Geheimnisvoll schimmert das Gold im abgedunkelten Raum des Aschaffenburger
Stiftsmuseums. In klarer Zeichnung und ungewöhnlich intensiver Farbigkeit
heben sich die Figuren vor dem Hintergrund ab. Christus der Allherrscher
thront in einer mandelförmigen Aureole, die Rechte segnend erhoben,
in der Linken das Buch des Lebens. Rechts von ihm steht die Gottesmutter
mit bittend erhobenen Händen, das Haupt ehrfurchtsvoll geneigt. Neben
ihr der Apostel Petrus mit silbernem Haarkranz und goldenem Schlüssel.
Die "Aschaffenburger Tafel" ist der Höhepunkt eines Rundgangs
durch das Stiftsmuseum im Rahmen der Ausstellung "Glanz der Romanik", die
die Stadt Aschaffenburg noch bis Ende Oktober zeigt. Es handelt sich dabei
um ein etwa zwei Meter breites Tafelbild, das 1986 bei Renovierungsarbeiten
im Stiftsmuseum im Fußboden gefunden wurde. Bei den zehn Jahre dauernden
Restaurierungsarbeiten stellte sich heraus, daß das Altarbild um
1250 gefertigt und seither – anders als vergleichbare Bilder – niemals
übermalt worden war. Die Malfläche ist dabei vollständig
mit Blattgold überzogen, die Figur des thronenden Herrn zudem mit
Blattsilber hinterlegt. Dadurch erhalten die Figuren eine außerordentliche
Leuchtkraft, die sich zum zentralen Christusbild hin steigert. In den zerstörten
Bereichen des Bildes – es lag wohl 500 Jahre lang im Fußboden des
"Himmelthaler Raumes" – lassen sich aufgrund überlieferter Ikonographie
Johannes der Täufer in der gleichen Bittgeste wie Maria ergänzen.
Neben ihm deuten wenige Reste der Malerei auf Alexander hin, der mit Petrus
zusammen der Patron des Aschaffenburger Stifts ist. Das Tafelbild ist damit
eindeutig der Stiftskirche zuzuweisen und diente wohl als Retabel (Altaraufsatz)
des Hauptaltares der romanischen Basilika.
Die Malerei auf der "Aschaffenburger Tafel" ist geprägt von der
strengen Schönheit byzantinischer Ikonen und läßt höchste
künstlerische Qualität erkennen.
Doch ein
Rundgang durch die Ausstellung im Museum hat noch mehr zu bieten. Eine
goldene Haarnadel und Stücke eines Ohrgehänges einer Dame des
6. Jahrhunderts machen deutlich, daß Aschaffenburg bereits in dieser
Zeit intensive Beziehungen zum Hochadel unterhielt. Stoffe mit wertvoller
Goldlanstickerei, Gürtel, Fibeln, aber auch Keramik und Handwerkszeug
erinnern an den Alltag im Mittelalter. Und im 8. Jahrhundert war Aschaffenburg
Schauplatz einer Königshochzeit. All dies zeigt, daß die Stadt
bereits vor Gründung des Stifts eine bedeutende Siedlung war.
Aus dem Kapitelsaal
– entstanden aus einer ehemaligen Michaelskapelle – betritt man den Kreuzgang.
Aus rotem Mainsandstein gefertigt, fügt dieses "Juwel romanischer
Architektur" sich zwischen Kirche, Kapitelsaal und Konventsbau. Anders
als in Klöstern, in denen der Kreuzgang der innerster Klausurbereich
und Rückzugsort der Mönche darstellt, ist der Kreuzgang eines
Stifts eher auf repräsentative Liturgie ausgerichtet: Im Kreuzgang
finden Prozessionen statt, hier versammelt man sich zur Statio vor dem
Einzug in die Kirche, hier hält man Totengedenken. Eine mit einem
Kreuzigungsfresko geschmückte Rundbogennische könne beispielsweise
als Ort für das Heilige Grab in den Kartagen gedient haben. Im Rahmen
der Feierlichkeiten von Ostern wurde hier der Leichnam Jesu zeichenhaft
bestattet und an Ostern das geschmückte Kreuz als Zeichen der Auferstehung
erhoben.
Der Kreuzgang,
ein echtes Glanzstück der Romanik, wurde 1240/45 errichtet. Anders
als bei den in Frankreich oder Spanien erhaltenen romanischen Bauten aber
sind in Aschaffenburg weder Tiere noch biblische Szenen an den Kapitellen
dargestellt. Ausschließlich florale Motive dekorieren hier die Säulenabschlüsse
in stets neuen und abwechslungsreichen Motive. Kennern erschließt
sich auf den ersten Blick, daß hier keine billigen Werkleute an der
Arbeit waren, sondern das Stift sich die besten Steinmetzen leisten konnte,
um einen repräsentativen Kreuzgang zu errichten. Heute tritt uns der
Kreuzgang wie viele romanische und gotische Kirchen im nüchternen
Gewand des blanken Steins entgegen. Im Mittelalter (wie auch in der griechisch-römischen
Antike) waren Bauwerke dieser Art jedoch mit leuchtenden Farben geschmückt.
Ins Museum
zurückgekehrt entdeckt man die aus dem beginnenden 17. Jh. stammende
Grabplatte des Stifters gezeigt. Als Stifter wurde in Aschaffenburg nicht
Luidolf von Schwaben, ein Sohn Kaiser Ottos I. verehrt, sondern dessen
Sohn Otto, der die Errichtung des Stifts vollendet hatte und es nach seinem
frühen Tod an den Mainzer Erzbischof vererbte. Mehr als 800 Jahre
lang, bis zur Säkularisation des Erzbistums, bestimmen die Mainzer
Kurfürsten fortan die Geschicke von Stift und Stadt Aschaffenburg
und bauen es zu einer zweiten Residenz aus.
In der ehemaligen
Schatzkammer des Stiftskapitelhauses werden Dokumente präsentiert,
die mit der Geschichte des Stiftes zusammenhängen. Eine Urkunde von
Papst Lucius III. beispielsweise sichert 1184 die Besitzungen und Rechte
des Stifts. Unter den gezeigten liturgischen Büchern der Stiftsbibliothek
ragt ein Evangeliar heraus. Der Codex entstammt der Reichenauer Schreibschule
des 9. Jahrhunderts und beinhaltet reiche Quellen zur Geschichte Aschaffenburgs.
Die Stiftsherren benutzen die leeren Pergamentseiten des ehrwürdigen
Buches nämlich, um wichtige Ereignisse im Leben des Stifts festzuhalten,
beispielsweise den Tod Ottos im Jahre 982. Auch Inventarlisten des Stiftsschatzes
finden sich in dem Evangeliar, das heute in der Hofbibliothek aufbewahrt
wird.
Angeboten wird
im Museum auch ein multimedialer Rundgang durch Kirche, Kreuzgang und Kapitelhaus.
Doch nicht nur die Stiftskirche mit ihrem romanischen Langhaus und dem
beeindruckenden Kruzifix an der Nordseite, der Kreuzgang und das Stiftsmuseum
zeigen den "Glanz der Romanik" in der Stadt. Zwar wurde das Stäblerhaus
als eines der ältesten Aschaffenburger Stiftsherrenhäuser nach
schweren Schäden in den Nachkriegstagen abgerissen, doch wird im Museum
ein rundbogiges Fenstergewände aus dem Haus gezeigt. Jüngste
Ausgrabungen beim Bau der Tiefgarage auf dem Theaterplatz haben ergeben,
daß bereits im 11. Jahrhundert solche steinernen Häuser für
die Stiftsherren errichtet wurden, während das übliche Baumaterial
für die Wohnhäuser noch jahrhundertelang Holz blieb.
In der ersten
Pfarrkirche der Stadt "Zu Unserer Lieben Frau" – ein Neubau aus der Mitte
des 18. Jahrhunderts – wird das romanische Portaltympanon aufbewahrt, das
neben der thronenden Gottesmutter die hl. Katharina und den hl. Johannes
zeigt. Auch der Turm mit seinem gotischen Helm gründet mit seinen
Untergeschossen noch in der Romanik.
Die Pfarrkirche
St. Agatha war im 12. Jahrhundert von einem Friedhof außerhalb der
Stadtmauer umgeben. Seit den Zerstörungen durch den zweiten Weltkrieg
und die Erweiterungen aus den 60er Jahren bietet sie nur noch wenige romanische
Spuren. Doch auch hier hat sich das innere Portal erhalten, das im Rundbogenfries
einen archaisch anmutenden Figurenschmuck zeigt, dessen Ikonographie bis
heute nicht entschlüsselt werden konnte.
Im jüngst renovierten Marienstift finden sich einige Reste romanischer
Architektur, die im Rahmen des Umnutzungskonzeptes des Gebäudes als
Pfarrheim für die Stifts- und Muttergottespfarrei sichtbar gelassen
wurden. Im Wahrzeichen der Stadt, dem Schloß Johannisburg ist der
Bergfried der alten Burg aus dem 13. Jahrhundert in das Renaissance-Schloß
integriert worden.
Michael Pfeifer
Die Ausstellung "Den Bogen spannen – Glanz der Romanik" wurde im Sommer 2001 gezeigt.
Viele Exponate sind nach wie vor "in situ" zu sehen.
Nähere Informationen beim Stiftsmuseum.
erschien in: Würzburger katholisches Sonntagsblatt 148
(2001) Nr.39, S.29f
sowie in: Mainzer Bistumsnachrichten (Pressedienst) Nr.35, S.13f
Manuskript und Fotos © Michael Pfeifer
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