Maronitische Weihnachtsgesänge. Chor der Kirche "Notre Dame du Liban"
Paris, Leitung P. Wadih Al Skayem, Orgelimprovisationen Naji Hakim an der
Orgel von "La Trinité" Paris. IFO-Records, Postfach 43 12 63, 55076
Mainz.
Maronitische Weihnachtsgesänge mit Orgelimprovisationen zu kontrastieren,
ist sicher ein gewagtes Unternehmen. Der Organist der Pariser Pfarrkirche
Ste. Trinité, Naji Hakim wurde 1955 in Beirut geboren und ist Nachfolger
des berühmten Komponisten Olivier Messiaen an der 1868 von Aristide
Cavaille-Coll vollendeten Hauptorgel. In seiner Person verbinden sich orientalische
und europäische Tradition aufs Überzeugendste.
Der Chor der Kirche Notre Dame du Liban singt unter Leitung von P.
Wadih Al Skayem die alten, großenteils mündlich überlieferten
liturgischen Gesänge, deren Tonsystem sich nicht auf arabische oder
gar auf byzantinische oder gregorianische Systeme zurückführen
läßt. Die Tonskalen sind nicht gleichschwebend und wirken daher
für europäische Ohren recht "orientalisch". Faßbar werden
sie durch die syllabische Struktur – ein Hinweis darauf, daß die
ganze Gottesdienstversammlung gemeinsam singt und nicht nur ein professioneller
Chor – die strophische Anordnung und den relativ geringen Tonumfang von
maximal einer Quinte, oft aber nur einer Terz. Die monodischen Gesänge
zeichnet allerdings eine ungeheure rhythmische Vielfalt aus.
Der Interpretation des Gesanges folgt auf der CD sodann unmittelbar
– allerdings mit spürbarer Raumdifferenz (größerer Nachhall)
– die Improvisation Hakims, bei der sich die ganze Meisterschaft des Organisten
zeigt. Er verarbeitet nicht nur das musikalische Material, hörbar
wird auch sein Eindringen in den Text der syrischen Poesie und ihren liturgischen
Ort. Er entlockt der großen Orgel stürmische Toccaten und zauberhafte
Cantilenen, geht auf die freie Rhythmik der Vorlagen ein und zeichnet ihre
für eine Orgel natürlich sperrige Harmonik nach. Es entsteht
ein Klanggemälde von suggestiver Kraft, das Freunde französischer
Orgelromantik und orientalischer Musik gleichermaßen überzeugen
dürfte.
4 Hände und 4 Füße
Neue Musik für Orgelduo im Münster zu Ingolstadt. Elisabeth Sperer
und Winfried Englhardt. Motette CD 12071.
Beim Publikum von Orgelkonzerten mag sich zuweilen die ungläubige
Frage einstellen, wie denn ein Mensch allein so viel "Krach" machen könne.
Daß man auch an der Orgel noch dazu vierhändig (und vierfüßig)
musizieren kann, muß für solchermaßen Trompeteria-geschädigte
Zeitgenossen wie ein Alptraum wirken. Kompositionen aus Renaissance, Barock,
Klassik, Romantik und Moderne beweisen jedoch, daß sich immer wieder
Liebhaber für diese Möglichkeit fanden, das vielfältige
Klangangebot einer Orgel besser auszuschöpfen, als dies einem einzelnen
Spieler möglich wäre. Elisabeth Sperer und Winfried Englhardt
konzertieren seit vielen Jahren zusammen am Spieltisch einer Orgel und
waren damit eines der ersten "Orgelduos" unserer Tage. Neben der Pflege
des – zugegebenermaßen recht bescheidenen Repertoirs – wurden durch
ihre Arbeit auch Komponisten unserer Tage angeregt, Musik für diese
Besetzung zu schreiben. Sperer und Englhardt stellen diese Werke nun an
der großen Klais-Orgel des Münsters zu Ingolstadt vor.
Am Beginn steht ein choralgebundenes Werk von Harald Genzmer (*1909),
des wohl bekanntesten der auf der CD versammelten Komponisten. Nach der
Komposition Sterbender Tag in Mähren von Andreas Willscher (*1955)
erklingt die bemerkenswerte Komposition Confutatis von Roland Leistner-Mayer
(*1945). Das auf Versen des Requiem basierende Werk ist von symphonischer
Dramatik und Dynamik. Die virtuosen Partien gipfeln in einem unisono geführten
Doppelpedalsolo, das sich in Rhythmik und Tempo steigert. Nach drei freitonalen,
inhaltlich zusammengehörenden Skizzen Winfried Englhardts selbst,
erklingt eine Komposition von Franz Xaver Lehner (1904–1986). Die atonale
"Fantasie und Fuge", als die man sie bezeichnen könnte, strahlt vor
allem in ihrem fugierten Teil in hohem Maße Spielfreude aus. Das
abschließende Abendrot von Robert Delanoff (*1942) schichtet ganz
gemäß seiner programmatischen Absicht Klangfarben gegeneinander
und nimmt mit ostinaten, an Minimal-Music gemahnende Rhythmen gefangen.
Sperer und Engelhardt haben die durch ihre interpretatorische Arbeit
angeregten Werke souverän in ihr Repertoire integriert. Zusammen mit
den klassischen oder klassisch gewordenen Stücken von Merkel oder
Langlais stellen sie eine echte Bereicherung von Orgelkonzerten für
vier Hände und vier Füße dar.
Jean Françaix
Jean Françaix: Das Orgelwerk. Fermate Musikproduktion Detmold FER
20018.
Jean-René Françaix gehörte zu den wenigen Komponisten,
die sich in ihrer musikalischen Sprache zur Tonalität bekennen. Der
im September 1997 85jährig Verstorbene sah die auf der Tradition fußenden
Form- und Ausdrucksmöglichkeiten noch lange nicht erschöpft.
Sein humorvolles und charmantes, dennoch ernsthaftes musikalisches Schaffen
ist sehr vielfältig. Dabei ist eine Bevorzugung einer bestimmten Gattung
nicht auszumachen. Allgemein bilden Orgelwerke bei Komponisten, die selbst
nicht auch Organisten sind, eher die Ausnahme. So blieben es auch bei Françaix
wenige, und diese entstammen zuweilen Filmmusiken oder Orchesterwerken.
So ist seine Suite carmelite aus dem Jahre 1960 durch den Film "Le
dialogue des Carmelites" bekannt geworden. Die sechs Miniaturen sind als
Portraits der Nonnen zu verstehen: die Vorstellungskraft treibt – zumal
beim letzten Satz "Mère Marie de Saint-Augustin" – sicher ansehliche
Blüten. Bei der Suite Profane aus dem Jahre 1984 handelt es sich um
ein eigenständiges Orchesterwerk, das der Komponist für die Orgel
eingerichtet hat. Die Messe de Mariage (1986) entstand für eine Hochzeitsfeierlichkeit
in der Pariser Kirche St. Sulpice. Die Apokalypse nach Johannes (1939)
ist eine Übertragung des Interpreten Jürgen Essl. Die Originalpartitur
schreibt neben Chor und Solisten auch ein Himmels- und ein Höllenorchester
vor. Beim abschließenden kurzen Marche Solennelle aus dem Jahr 1956
handelt es sich wieder um Filmmusik: er begleitete Napoleons filmischen
Einzug zu seiner Kaiserkrönung.
Die Aufnahme, interpretatorisch und aufnehmetechnisch einwandfrei,
schließt eine Lücke im Orgelrepertoire. Sie macht Lust auf die
weitere Musik eines einfallsreichen und ein wenig a-typischen Komponisten.
Jean-Jacques Grunenwald
Hommage à Jean-Jacques Grunenwald. Grand Orgue Cavaillé-Coll
de l'Abbatiale Saint Ouen des Rouen. Elmar Jahn. ERJ 01. Edition R &
J, Robert-Stolz-Str. 25, 85591 Vaterstetten.
Der Titel der vorliegenden Aufnahme "Hommage à Jean-Jacques
Grunenwald" wird zunächst nur diejenigen interessieren können,
denen die neuere französische Orgelmusik vertraut ist. Grunenwald,
1911 geboren, war Orgelschüler von Marcel Dupré und von 1933
bis 1945 sein Vertreter an der Orgel von St. Sulpice in Paris, wo er ihm
auch 1971 als Titulaire nachfolgte. Die dortige riesige Cavaillé-Coll-Orgel
prägte sein späteres kompositorisches Schaffen nachhaltig. Zu
Unrecht ist es hierzulande wenig bekannt.
Kennzeichnend für Grunenwalds Kompositionsstil sind die majestätisch-langsamen
Sätze und die schrittweise, oft überraschende, harmonische Fortentwicklung.
Dazu kommen Melodien, die weitausgreifende Intervalle zu epischen Phrasen
zusammenfassen. Entsprechend französischer Tradition sind die Themen
oft von gregorianischen Melodien inspiriert. Auch schnellere Passagen leben
nie von Motorik und Virtuosität; immer wieder finden sich Momente,
die die Bewegung unterbrechen, den Klang sich aufbäumen lassen und
weitere Steigerung ermöglichen.
Hierfür ist die Orgel der Abteikirche in Rouen, auch ein Werk
Aristide Cavaillé-Colls, ein ideales Instrument, wenngleich man
von einer Einspielung in St. Sulpice noch mehr Bezug zum Komponisten hätte
erwarten dürfen.
Zwar enthält das Beiheft keinerlei Information über die Werke
Grunenwalds, dennoch ist die Einspielung seines Schülers Elmar Jahn
dazu geeignet, der Rezeption der Musik seines Lehrers den Weg zu bereiten.
Seltener Dupré
Marcel Dupré: Evocation, Fifteen Pieces, Suite Bretonne. Johannes
von Erdmann an der Orgel der Pfarrkirche St. Martin zu Lorch am Rhein.
Opus 7057-2. Melisma Musikverlag Wiesbaden.
Die 1984 erbaute, 41-registrige Orgel der Martinskirche in Lorch setzt
einen romantisch-süddeutschen Akzent in der reichen mittelrheinischen
Orgellandschaft. Knapp die Hälfte der Register wurden aus der 1880
erbauten Vorgängerorgel übernommen. Es macht einen besonderen
Reiz aus, auf solch einem Instrument selten gespielte Orgelwerke Marcel
Duprés zu hören.
Dupré galt zeit seines Lebens als großartiger Improvisator,
der das Publikum durch die vollendete Durchbildung der musikalischen Form
in Bann zog. Fernab von akademischem Konstruieren allerdings macht die
sukzessive Veränderung der Klangfarben in Einklang mit kühner
harmonischer Fortschreitung die Besonderheit seiner Musik aus. Die Farbigkeit
ist bei ihm oft auf bestimmte Instrumente abgestimmt. So beziehen sich
die Registrieranweisungen der einleitenden Evocation op.37 auf die Cavaille-Coll-Orgel
in der Abteikirche Rouen, zu deren Wiedereinweihung 1941 Dupré dieses
Werk komponiert und auch uraufgeführt hat. Die dreisätzige Suite
Bretonne op.21 ist eine Programmusik, die sich der im Titel aufscheinenden
nordfranzösischen Landschaft mit folkloristischen Themen zu nähern
sucht. Wirkliche Kleinodien des Orgelschaffens Duprés aber sind
die Fifteen Pieces op.18, die aus liturgischen Improvisation in der Pariser
Kathedrale Notre Dame entstanden. Das später aufnotierte Werk wurde
am 10. 12. 1920 in London uraufgeführt. Jedes der kurzen Stücke
trägt ein verbales Motto, das zusätzlich zum Text der liturgischen
Melodievorlage die musikalischen Stimmungsbilder faßlich macht. Dieses
interessante Stück kirchlicher Programmusik zeigt den "phänomenalen,
impressionistisch beeinflußten Klangsinn" des Komponisten, wie Hanno
Ehrler im zweisprachigen (dt./frz.) Beiheft formuliert.
Die Aufnahmetechnik zeichnet das Klangbild klar, doch schafft sie nicht
für alle Situationen einen optimalen Ausgleich zwischen Instrument
und Raum. Auch meint man der Orgel einzelne Schwächen in Ansprache
und Stimmung anzuhören. Erdmanns durchsichtige Phrasierung und die
ruhigen Tempi ermöglichen eine gute Durchhörbarkeit auch der
Toccaten. Lob verdient allem voran das seltene Repertoire. Hierzu sind
Künstler und Verlag besonders zu beglückwünschen.
Görlitzer Orgel
Die große Orgel der Stadthalle Görlitz. Reinhard Seeliger. OV-75022
Vleugels Tonträger 74736 Hardheim.
Im Jahre 1910 wurde in Görlitz die große Stadthalle fertiggestellt,
die 700 Musikern und 1700 Gästen Platz bietet. In reinem Jugendstil
entworfen, war von Anfang an eine Orgel als Prinzipalstück des Raumes
geplant gewesen. Beauftragt wurde der damals berühmteste deutsche
Orgelbauer Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder. Mit der Görlitzer Stadthallenorgel
vollendete Sauer, der sein Handwerk unter anderem beim französischen
Meister Cavaille-Coll erlernt hatte sein letztes Werk als opus 1100. Es
ist dies die einzige von ihm erhaltene Konzertorgel.
Nach Jahren der Unspielbarkeit wurde das Instrument kürzlich von
der Firma Vluegels renoviert. Nun erklingen die 72 Register, verteilt auf
4 Manuale und Pedal, wieder in alter Großartigkeit.
Auf dem Programm dieses Orgelportraits stehen zwei große Konzertstücke
von Franck (Grande Piece Symphonique) und Rheinberger (3. Sonate). Zwei
Choralfantasien von Max Reger ("Halleluja Gott zu loben" und "straf mich
nicht in deinem Zorn") erklingen zu Beginn. Auch wenn als Grundlage dieser
Kompositionen Choräle der protestantischen Tradition dienen, handelt
es sich bei diesem Regerschen Genre mehr um konzertante als um liturgische
Musik. Jedenfalls sind sie bestens geeignet, den Farbenreichtum der Görlitzer
Orgel vorzuführen. Zudem wurden Regers Orgelwerke bekanntermaßen
von Karl Straube an seiner Sauer-Orgel probiert und aufgeführt.
Die Interpretation durch den 1959 in Halle/Salle geborenen Reinhard
Seeliger gibt kaum zu kritischen Bemerkungen anlaß. Vielleicht wünscht
sich mancher die Rheinberger-Fuge mit etwas weniger barockem Non-legato,
zumal die Orgel - auch Dank der vorzüglichen Aufnahmetechnik - auch
in grundtönigen Passagen nicht dick wirkt. Doch kommt die ganze Rheinberger
Sonate dadurch recht prägnant und akzentuiert.
Was die Dokumentation anbetrifft, ist ausgerechnet der Beitrag über
die Orgel der sprachlich schwächste. Die ausführliche Disposition
vermag das nur schwer auszugleichen. Aufs Ganze gesehen aber die Präsentation
einer gelungenen Restaurierung einer bedeutenden Orgel.
Orgelsymphonik
Louis Vierne: Symphonies pour Orgue Nos. 1 & 2. Yves Castagnet, Grand
Orgue Cavaill‚-Coll de l'Abbatiale Saint-Ouen de Rouen. Sony SK 64084.
1994.
Louis Vierne (1870-1937) ist sicher der brillianteste Vertreter der
französischen Organistengeneration, die die Orgel dem romantischen
Musikempfinden zugänglich gemacht haben. Erreicht wurde das nicht
zuletzt aber auch durch den genialen Orgelbauer Aristide Cavaill‚-Coll,
dessen Konzept der Hinzufügung von Registergruppen durch Fußtritte
relativ leicht dynamische Abstufungen ermöglichte. Die Große
Orgel der Abteikirche in Rouen ist sein letztes Meisterwerk. Sie wurde
am 17.April 1890 von Charles-Marie Widor eingeweiht, der über der
Erbauer äußerte, es gebe in Europa nur einen einzigen Orgelbauer,
der ein großer Künstler sei.
An den Stil Widors als des "Erfinders" der Gattung der Orgelsymphonie
erinnert Viernes erste Symphonie noch stark. Doch ist das fünfsätzige
Schema mit dem zentralen Scherzo in seinen sechs Symphonien enthalten.
Vierne wagte es in der Tat als erster, die typisch orchestrale Form des
Scherzo auf die Orgel zu übertragen und sie auch mit der Spritzigkeit,
ja Ironie umzusetzen. Bis ins Expressive gesteigert leben Viernes Scherzi
von scharfer Rhythmik, konsequentem Staccato und hohen Registern. In den
abschließenden Symphoniesätzen – der der ersten gemahnt wiederum
an die berühmte Toccata aus der fünften Widorsymphonie, ist aber
deutlich komplexer – führt der Organist sich selbst und seine Orgel
vor. Beide sind konstitutiv für die Qualität dieser Einspielung:
die Großartigkeit des Instruments mit seinem monumentalen Pedal und
den strahlenden Chamaden, die technische Überlegenheit und hervorragende
Gestaltungskraft des jungen Organisten Yves Castagnet.
Geteilter Meinung kann man über den enormen Raumklang sein, den
die Tonmeister (hier wie bei allen Aufnahmen der Reihe "Organa Viventia")
eingefangen haben: Was an Gravität gewonnen wird, wird an Kontur vertan.
Ein instruktives Beiheft mit vollständiger Disposition rundet
die Edition ab, der Fortsetzungen im Bereich der französischen Romantik
zu wünschen sind.
Bach und kein Ende?
Bach: Organ Works, Vol. 1. Ton Koopman. Teldec 4509-94458-2. 1995.
Mit dieser CD beginnt der niederländische Organist Ton Koopman
(Jahrgang 1944) eine Einspielung seiner Interpretation der Orgelwerke von
Johann Sebastian Bach. Doch diese Interpretation ist eigenwillig. Puristen
verwirren die reichen Verzierungen, Romantiker entsetzen die zügigen
Tempi, Straube-Schüler erschreckt das durchgängige Non-Legato
und die seltenen Registerwechsel. Auch Phrasierung und Artikulation, Agogik
und häufigerses Rubato sind gewöhnungsbedürftig.
Fantasie und Fuge in g (542), die beiden gewichtigen Stücke, die
Bach selber schon vor seinem Tod kombiniert hat, eröffnen das Programm.
Die große Fuge g (578) verarbeitet eines der ausführlichsten
Themen, die Bach überhaupt benutzt hat. Canzona d (588) dokumentiert
die Beschäftigung des Thomaskantors mit italienischer Musik. Aus seiner
Leipziger Zeit stammt das große Präludium und Fuge h (544),
Präludium und Fuge a (543) wohl der Weimarerer Periode. Norddeutschen
Stil atmet Präludium und Fuge C (531). Die Fantasieen in c (562) und
C (570) rahmen die französischer Tradition entsprechene Fantasie G
(572). Den Abschluß des Programms bildet die Passacaglia.
Mit großem musikalischen Sachverstand und noch größerer
Spielfreude macht sich Koopman an die Musik Bachs heran und nimmt in seinem
schon apologetisch zu nennenden Beitrag die Einwände in puncto authentischer
Interpretation vorweg. Nicht wie Bach gespielt hat, – wer weiß es?
– sondern wie Bach heute dargestellt werden kann, spielt ihn Koopman. So
nämlich kann die klassische Orgelmusik auch klingen: brillant, mitreißend,
durchsichtig, ebenso verständlich wie schön, perlig, , überlegt,
farbig, eindrucksvoll – schlüssig eben und genial.
Auch hat der Interpret sich ein hervorragendes Instrument ausgesucht:
Die Orgel der Grote Kerk zu Maasluis (1729-32 erbaut) ist ein imposantes
Zeugnis der norddeutsch/ niederländischen Orgelbautradition. Die ausführliche
Disposition findet der Interessierte im instruktiven Beiheft. Die Bach-Einspielung
von Ton Koopman verspricht, nicht irgendeine zu werden. Sie stellt zur
Diskussion, regt zum Überdenken von Spiel- und Hörgewohnheiten
an und ist zu allem Überfluß wirklicher Musikgenuß. Für
Aufgeschlossene hat sie echte Offenbarungsqualität. Man darf auf die
weiteren Aufnahmen gespannt sein.
Geistliche Musik
Europas Sakralmusik
World Festival of Sacred Music Europe. Doppel-CD 00692, CCn'C Records (In
der Habbecke 18, 59889 Eslohe).
Musik – gerade religiöse, geistliche Musik – ist vielleicht der
tiefste und ergreifendste Seelenausdruck des Menschen, gleich in welcher
Kultur er lebt oder welcher Religion er angehört. Im Bewußtsein,
daß es keinen wirklichen Frieden unter Menschen und Staaten geben
kann ohne Verständigung zwischen den Religionen, hat der Dalai Lama
mit Blick auf die bevorstehende Jahrtausendwende zu einem Weltfest sakraler
Musik eingeladen. [Die Initative wird zudem unterstützt von namhaften
politschen und geistlichen Führern, darunter Präsident Vaclav
Havel, Erzbischof Desmond Tutu, Pandit Ravi Shankar, Yehudi Menuhin oder
Danielle Mitterand. Das Festival startet im Oktober 1999 in Los Angeles
und endet im nächsten Jahr in Bangalore mit einem großen Finale.]
Die in diesem Zusammenhang erschienene Doppel-CD setzt das Anliegen
des Dalai Lama exemplarisch für Europa um, indem es Musik vieler Völker
und Zeiten vereint: Die Gesänge kommen aus Rußland, dem Baltikum,
Andalusien, Sardinien, Bulgarien oder Ungarn, aus der Folklore wie der
Liturgie, aus jüdischen, byzantinischen, islamischen oder mittelalterlich-lateinischen
Quellen. Fünf zeitgenössische Kompositionen verdeutlichen schließlich,
daß auch heute noch sakrale Musik von hohem Rang und dichter Spiritualität
entsteht. Die Ensembles dieser Einspielung bemühen sich zumeist um
die Wiederentdeckung klassischer oder archaischer Gesangstechniken und
musizieren durchweg auf höchstem künstlerischen Niveau. Es entsteht
ein faszinierendes Hörerlebnis, eine wirkliche Horizonterweiterung.
Auch wenn das Beiheft nicht alle Fragen (manche gar unkorrekt) beantwortet,
ist diese CD unbedingt eine Empfehlung wert. Die religiösen Traditionen
Europas sind hier – fernab allgegenwärtiger Weltmusik-Sampler – in
seltener Eindrichglichkeit und wirklicher Authentizität präsentiert.
Salve Regina
Salve Regina. Musique sacrée des XIXe et Xxe siècles. Les
Petits Chanteurs de Saint-Marc, Nicolas Porte. Editions Jade 74321-47616-2
(Vertrieb: BMG)
Die Rückbesinnung auf alte französische Chorkultur einer
christlich-musikalischen Erziehung hat sich der Lyoner Kinderchor "Les
Petits Chanteurs de Saint-Marc" zur Aufgabe gemacht. Die 65 Jungen und
Mädchen haben sich im Laufe der Jahre einen festen Platz unter den
französischen Kinderchören erarbeitet. Nicht von ungefähr
sind sie Widmungsträger dreier der aufgenommenen Kompositionen: des
titelgebenden Salve Regina von David Falconer und zweier Motetten von Petr
Eben. Überhaupt finden sich auf der Einspielung hierzulande selten
gehörte Stücke: Werke von Pablo Casals, Gabriel Fauré,
Maurice Duruflé, Zoltan Kodaly oder Georges Bizet erklingen ebenso
wie Schuberts Psalm 23 und zwei Chorsätze von Mendelssohn-Bartholdy.
Wohl aufgrund spezieller Vorlieben und Fertigkeiten des Chores besteht
das Programm aber fast ausschließlich aus ruhigen, meist homophonen
Kompositionen. Die Akustik der Abteikirche St.-Martin d'Ainay kommt diesen
weiten Phrasen entgegen und täuscht zudem über manche Ungenauigkeit
in der Absprache und über Defizite bei der Verschmelzung der Stimmen
hinweg. Die im Kirchenraum entstehende Klangwolke aus Chor und Orgel ist
jedenfalls nicht dazu angetan, dem nicht ganz einstündigen Programm
konzentriert zu folgen. Etwas mehr Abwechslung und allgemein mehr Gestaltungswillen
bei der Programmzusammenstellung wäre zu wünschen gewesen.
Flamencos a Maria
Cantes Flamencos a María Santísima. Jade 74321-48796-2 (Vertrieb:
BMG)
In Venedig, Karthago und Syrien liegen die Wurzeln des Canto Flamenco.
Dazu treten noch Elemente des gregorianischen Chorals. Doch nirgendwo anders
hat sich eine vergleichbare Musik entwickelt wie in den Dörfern Andalusiens.
Der Flamenco spiegelt den Schmerz und die Armut jener Region und Epoche,
er ist untrennbar mit Schweiß und Alkohol verbunden, prägte
die Arbeit, die Familienabende und Feste. In den "cafes cantandes" erklangen
die Gesänge ebenso wie auf den großen andalusischen Karfreitagsprozessionen.
Es ist die klagende Stimme, ihre enorme, schier akrobatische Kunstfertigkeit,
begleitet von Gitarre, Trommeln und Händeklatschen, einer Flöte
oder Geige vielleicht, die den klassischen Flamenco so unverwechselbar
machen.
Die vorliegende Aufnahme präsentiert keine herkömmliche Flamenco-Folklore.
Diese Musik ist gewöhnungsbedürftig. Hat man aber erst einmal
die anfängliche Fremdheit überwunden, bestechen die klaren, unverbildeten
Stimmen der Sänger, in denen noch die große Tradition der "cafes
cantandes" lebendig ist. Wo allabendlich die Menschen beisammen waren,
griff immer wieder jemand zur Gitarre oder sang unbegleitet einen canto
flamenco. Es erschließt sich in diesen Gesängen eine Eindringlichkeit
und Echtheit, die wenig mit historischer Authentizität zu tun hat.
Marienverehrung aus dem Herzen der Leidgeprüften ist hier zu hören.
Im Flamenco geben sie ihrer Hoffnung auf die Mutter der Gnade Ausdruck.
Bedauerlich nur, daß das Beiheft die tiefsinnigen Texte ausschließlich
in Spanisch enthält.
Mönche aus Silos
Requiem Aeternam, Canto gregoriano. Santo Domingo de Silos, Coro de los
Monjes Benedictinos. Jade 40196-2 (Vertrieb: BMG).
Das archaisch wirkende Anschlagen der Glocke der Abteikirche in Silos
schafft zu Beginn der Aufnahme eine ernste Stimmung: angemessen für
die akustische Zelebration des Requiem. Viel mehr an Ergreifendem hat die
CD aus Spanien aber auch nicht zu bieten.
Die Mönche von Santo Domingo sind durch den zufälligen Marketingerfolg
einer großen Plattenfirma spät zu Stars selbst der Pop-Charts
geworden. An diesen unverdienten Ruhm versucht die Publikation der Requiem-Aufnahme
von 1959 anzuknüpfen, was ihr aber wohl nur in Kreisen gelingen sollte,
in denen unterschiedslos tibetische Obertöne und Gesänge der
Buckelwale konsumiert werden. Die Qualität des gesanglichen Vortrags
hingegen, rechtfertigt dies in keiner Weise. "Chorklang" bleibt überhaupt
eine Wunschvorstellung in dieser 40 Jahre alten Aufnahme. Die Solistenstimme
– obwohl offenkundig geschult – irritiert zudem durch unangemessenes Vibrato.
Positiv hervorzuheben ist einzig die wirkliche Vollständigkeit
des Requiem: auch Lesungen und Meßkanon fehlen nicht. Das Beiheft
enthält die lateinischen Texte und ihre Melodien als Faksimile des
Graduale romanum. Übersetzungen fehlen zwar, doch sind ausführliche
Informationen in Spanisch, Französisch und Englisch zu finden.
Die CD kann eigentlich nur denen empfohlen werden, die sich durch allzu
professionelle Aufnahmen womöglich von ihren eigenen Bemühungen
um den gregorianischen Choral in den Pfarreien abschrecken lassen würden.
Marienstatt
Zisterzienserabtei Marienstatt. Mitschnitte aus der Liturgiefeier. Undine
547009715. Vertrieb: Cybele, Am Maiblümchen 24, 40699 Erkrath.
Die Neuerscheinungen alter geistlicher Musik der letzten Jahre zeigen
eine zunehmende Tendenz, Kompositionen in ihrem originären Zusammenhang
vorzustellen. Dieser Rahmen einer zumindest imaginären Liturgiefeier
ermöglicht dem Hörer eine bessere Einordnung der sonst nur konzertant
erklingenden Musik und führt dadurch erst zu größerem Verständnis.
Die Mönche der Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald wählen
diesen Weg zu einem anderen Zweck. Ihre nunmehr erschienene CD zeichnet
nicht nur eine "Als-ob-Liturgie" nach, sondern beinhaltet echte Live-Aufnahmen
aus dem klösterlichen Gebet.
Den Anfang macht die (vollständige) Vesper zum Fest des Ordensgründers
der Zisterzienser, des hl. Bernhard von Clairvaux. Es folgen Ausschnitte
aus Messe und Vesper des Hochfestes der Aufnahme Mariens, dem Kirchenpatrozinium
von Marienstatt. Drei Improvisationen für Flöte und Orgel über
liturgische Themen runden die Einspielung ab.
Bemerkenswert ist dabei die spezielle Form des zisterziensischen Chorals,
die in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand. Im Rahmen dieser
Reformbemühungen verzichteten die Mönche – wie allgemein in ihrer
Lebensart – auch in der liturgischen Musik auf überwucherndes Gepränge.
Die Professionalität der Mönche ist eine andere als die von
Künstlern, die etwa gregorianischen Choral interpretieren. Ihr täglicher
Umgang mit den tradierten Formen lateinischer Kirchenmusik, macht sie zu
"Könnern" ganz anderer Art. Es ist die Authentizität im ursprünglichsten
Sinne, die besticht. Choral ist hier nicht Kunst, sondern Gebet. In diesem
Sinn gestimmt sieht man gerne über Intonationsschwächen des Mönchschors
und das zuweilen arg aufdringliche Knarren des Chorgestühls hinweg.
Besonders angenehm ist die sensible und zugleich variantenreiche Begleitung
der Psalmverse durch den Abteiorganisten Fr. Gregor Brand, der sich dabei
teilweise an Vorlagen seiner Mitbrüder aus dem vergangenen Jahrhundert
orientierte.
Die CD, die zum 900. Jubiläum des Ordens erscheint, will eine
mediale Brücke der Gebetsgemeinschaft schlagen. Das großzügige
und bebilderte Beiheft trägt dazu bei, indem es alle Texte in Lateinisch
und Deutsch und darüber hinaus Beiträge zu Geschichte von Orden
und Abtei sowie zur Spiritualität enthält. Wegen der gewollt
modernen Gestaltung ist es leider stellenweise schwer lesbar. Wenn nicht
nur Besucher der Abtei gerne zu dieser Aufnahme greifen werden, dann wohl
deshalb, weil die uralte Form römischer Liturgie fasziniert, einer
jenseits aller "Puppenkisten-Gottesdienste" lebendigen Liturgie, der auch
heute kulturbildende Kraft zu wünschen wäre.
Osterkantaten
Johann Sebastian Bach. Osteroratorium. Philippe Herreweghe. HMC 901513
harmonia mundi.
Die Kantate 249 "Kommt, eilet und laufet" ist eines der drei Werke,
die Bach als "Oratorium" bezeichnet. sie wird eröffnet durch zwei
festliche Instrumentalsätze, die wie der anschließende Chorsatz
wohl aus einem der zahlreichen Konzerte aus der Hand des Komponisten stammen.
Überhaupt liegt der gesamten Kantate eine weltliche Komposition zugrunde.
Der geistliche Text - er stammt vermutlich von Bachs Librettisten Picander
- nähert sich den Evangelium von der Erstverkündigung der Auferstehung,
der Osterperikope, in der sich noch heute lutherische und römische
Leseordnung begegnen.
Auch die Kantate 66 "Erfreut euch, ihr Herzen" hat ein weltliches Vorbild
- eine Glückwunschkantate für das anhaltinische Fürstenhaus
- und wurde noch im gleichen Jahr für das Osterfest adaptiert und
in Leipzig am 10.4.1724 erstmals aufgeführt. Der geistliche Text bezieht
sich auf die Emmaus-Perikope. Bach greift zur Ausdeutung des Zweifels der
Jünger zum Stilmittel des Dialogs zwischen "Hoffnung" und "Furcht"
(so die Stimmbezeichnungen der Partitur). Die Choralzeile "Des solln wir
alle froh sein, Christus will unser Trost sein", schließt die Festmusik
mit dem Bekenntnis der Zuversicht.
Herreweghes Einspielung läßt kaum einen Wunsch offen. Mit
Barbara Schlick (Sopran), James Taylor (Tenor) und Peter Kooy (Baß)
hat er in Barockmusik erfahrene Solisten gewonnen. Einzig die Besetzung
der Alt-Partie mit dem Countertenor Kai Wessel - musikalisch ebenfalls
ein Glücksfall - führt zu kleinen inhaltlichen Spannungen: Beklagt
sich doch beispielsweise Maria Magdalena mit seiner Stimme über "kalter
Männer Sinn" beklagt, der sich ihrem Zeugnis verschließt. Doch
ergibt sich klanglich ein ausgewogenes Bild, in das sich das Orchester
mit undogmatischer Annäherung an ein historischen Ensembleklang einbringt.
Und das Collegium Vocale Gent hat Philippe Herreweghe zu einem der profiliertesten
Barockchöre unserer Zeit entwickelt. Die Aufnahme, die auch aus der
Sicht der Technik und der Dokumentation perfekt ist, kann uneingeschränkt
empfohlen werden.
Ostkirchliche Musik
Griechische Liturgie
Die göttliche Liturgie des St. Johannes Chrysostomos. The Greek Byzantine
Choir, Lycourgos Angelopoulos. Opus 111 OPS 30-78.
Das würdigste Musikinstrument für die Feier des Gottesdienstes
hat sich Gott selbst geschaffen: die menschliche Stimme. Byzantinische
Kirchenmusik ist daher auch stets primär gesungener Text und wesentlich
einstimmig. Alle Mehrstimmigkeit geht auf spätere westliche Einflüsse
zurück, von der man sich mittlerweile wieder weitgehend befreit hat.
Einzig der sogenannte Ison, ein lang gehaltener, gleichförmiger Baßton
(Bordun), der von einigen Sängern gehalten wird, bildet das harmonische
Fundament für die reichen Melodien mit den vielen Melismen und den
für uns so ungewohnten und diffizilen Intervallen.
Lycourgos Angelopoulos hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit seinem
1977 gegründeten griechisch-byzantinischen Chor zu den Ursprüngen
griechischer liturgischer Musik zurückzukehren, die im 5. Jahrhundert
in den kirchlichen Zentren Konstantinopel, Jerusalem, Antiochien und Alexandrien
zu suchen sind. Dabei waren die Hymnographen immer sowohl Dichter als auch
Komponisten. Der bekannteste unter ihnen ist wohl Romanos (5./6. Jh.),
dem als Autor vieler auch heute noch gebräuchlicher Hymnen der Beiname
"der Melode" zukam. Bis ins 12. Jahrhundert hinein schufen die großen
Dichter-Komponisten einen Großteil des Reichtums byzantinischer Hymnik.
Die Musik war zu dieser Zeit vorwiegend syllabisch. In den folgenden Jahrhunderten
bis zum Fall Konstantinopels entstanden dagegen hochmelismatische Gesänge,
für die Musiker wie Johannes Koukouzelis verantwortlich zeichnen,
die sich der traditionellen Texte bedienten. Obwohl die meisten Melodien
auf der CD nicht älter sind als 200 Jahre (nur ein Kommuniongesang
aus der Feder von Koukouzelis entstammt einer Sinai-Handschrift von 1309)
erwecken sie den typischen archaischen Eindruck griechischer Kirchenmusik,
da die Protopsalten (Chorleiter) stets verstanden, sich der traditionellen
Mittel zu bedienen. Welche Rolle immer noch auch die mündliche Überlieferung
spielt, belegen Gesänge, die anhand von auswendig vorgetragenen Weisen
der Athosklöster niedergeschrieben wurden.
Der für griechische Verhältnisse große Männerchor
von über 20 Personen gefällt durch einen ausgewogenen, satten
Klang und wirkt auch in der Höhe nicht schreiend. Es handelt sich
um eine mustergültige Aufnahme einer griechischen Liturgie (Messe),
wie sie vollendeter und authentischer wohl nicht – weder auf CD noch in
einer griechischen Kirche – zu hören sein wird.
Korsakov sakral
N. Rimski-Korsakov: Gesamtausgabe der geistlichen Kompositionen. Ensemble
"Blagovest" Moskau, Galina Kolzowa. Cantica Musikproduktion 03013/2CQ "Musik
der Ostkirchen" (Doppel-CD).
Seit dem Fall des "eisernen Vorhangs" läßt sich ein verstärktes
Interesse an russischer geistlicher Musik beobachten. Etliche Labels drängen
mit Aufnahmen liturgischer Musik auf den Markt. Mit der wohl ambitioniertesten
Reihe dieser Art – immerhin sollen in der nächsten Zeit fünfzig
Einspielungen vorgelegt werden – will die "Cantica-Musikproduktion" diese
weitgehend noch unbekannte Welt erschließen. Die Aufnahme sämtlicher
geistlicher Werke von Nikolai Rimski-Korsakov, des neben Rachmaninov wohl
bekanntesten russischen Kirchenkomponisten ist eines der ersten in der
Reihe "Musik der Ostkirchen" vorliegenden Alben.
Rimski-Korsakov schafft eine traditionsgebundene Musik, der man aber
die Formkraft eines großen Komponisten anmerkt. Auffällig sind
die kontrapunktisch und unisono geführten Stellen innerhalb der an
sich homophonen Musik der russischen Kirche. Rimski-Korsakov schafft Stimmungen
und deutet den Text aus (was leider für den des Kirchenslawischen
nicht mächtigen Hörer verborgen bleibt, da die Texte im Beiheft
fehlen). Hinzu kommt eine große Farbigkeit des Chorsatzes und eine
insgesamt ausgesprochen suggestive Wirkung.
Das Ensemble Blagovest beeindruckt durch Professionalität und
durch langjährige Praxis erworbene "Authentizität" und dokumentiert
den momentanen Stand russischer liturgischer Chorkultur aufs Vorbildlichste.
Der satte Chorklang, weiche Dynamikübergänge und gelungene Phrasenverbindungen
(das sonst leider oft und auch bei guten Chören zu beobachtende "Wegreißen"
der Phrasenendtöne fehlt hier wohltuend) machen die Qualität
dieser Interpretation aus. Hierfür steht Galina Kolzowa, die viele
Jahre Chorleiterin an der "Erzengel Nikolaus Kathedrale" (so das Beiheft)
war.
Sind solche Schwächen zwar nicht kennzeichnend für das Beiheft,
vermißt man dennoch neben den Texten auch Angaben zur liturgischen
Stellung der Kompositionen. Für eine so breit angelegte Dokumentationsreihe
erscheint dies unerläßlich. Auch sind die Schnitte und der (künstliche)
Hall nicht vollständig über alle Kritik erhaben.
Arabiens Kirche
Vie de Jésus. Chants de l'Eglise chaldéenne d'Orient en araméen.
Warda Yalcin. Alienor 1070
Chants Chretiens Arameens. Esther Lamandier. Alienor 1034 (Harmonia Mundi
France; Vertrieb: Helikon)
X Chants from the Christian Arab Tradition. Vox. Erdenklang 71002. (Ulrich
Rützel, In der Habbecke 18, 59889 Eslohe)
In diesem Jahr feierte das Kloster Mor Gabriel im Tur Abdin das 1600-jährige
Bestehen. Nur noch wenige hundert aramäische Christen leben heute
in dieser von der Ökumene fast vergessenen türkisch-syrischen
Grenzregion. Doch haben die Gemeinden dort mit dem Aramäischen als
Liturgiesprache einen unvergleichlichen Schatz frühchristlicher Tradition
bewahrt. In alttestamentlicher Zeit war Aramäisch zeitweilig die verbreitetste
Verkehrssprache im Nahen Osten. Die Pharaonen und die Hetiterkönige
korrespondierten auf Aramäisch und die Israeliten brachten die Sprache
aus dem Babylonischen Exil mit. Noch zur Zeit Jesu wurde in Palästina
mehr aramäisch als hebräisch gesprochen.
Die Musik der ostsyrischen Christen greift auf überkommene und
auf populäre Traditionen zurück. Kennzeichnend für die liturgischen
Gesänge ist der monodische Charakter in ruhiger Bewegung und freiem
Rhythmus. Strukturell sind sie damit sowohl mit der jüdischen religiösen
Musik wie mit dem gregorianischen Choral verwandt, was eindrucksvoll die
Vergleichbarkeit religiösen Empfindens verschiedener Kulturen dokumentiert.
Das liturgische Musiksystem teilt sich in zwei verschiedene Bereiche: einem
syllabischen für den Vortrag von Lesungen, Gebeten und Responsorien
und einem melismatischen für Hymnen und anderen Texte in ähnlicher
Funktion. In der syrischen Kirchenmusik gibt es keine Notenschrift; alle
Melodien sind ihrem Grundgerüst nach mündlich überliefert
und werden vom Sänger in der jeweiligen Situation verziert, was den
typisch orientalischen Klangeindruck hervorruft. Die Atmosphäre des
Gottesdienstes ist damit abhängig von der Prägung durch den einzelnen
Menschen vor Gott; die Musik wird zum Ereignis. Der melancholische Eindruck,
den diese Musik beim westlichen Hörer hinterläßt und der
auf bestimmte Intervallverbindungen zurückzuführen ist, wird
im Osten anders wahrgenommen und sollte daher auch nicht zu Rückschlüssen
auf den Charakter der Spiritualität Anlaß geben.
Die hymnischen Texte gehen oftmals zurück auf Ephräm den
Syrer, einem der größten christlichen Hymnographen aus dem 4.
Jahrhundert. Themen der Aufnahme sind Hymnen und Gebete und Texte der Liturgie.
Warda Yalcin – er ist 1985 aus seiner türkischen Heimat nach Frankreich
ausgewandert – hat auf seiner CD auch die Melodie zu einer großen
Marienklage improvisiert. Bereichernd tritt bei einer Nummer die Stimme
von Esther Lamandier hinzu, von der bereits 1989 beim gleichen Label eine
CD erschienen war. Frauenchöre sind in der syrischen Kirche sehr beliebt
und wurden von namhaften Theologen (z.B. Paul von Samosata) gefördert.
Ein offizielles Verbot im späten 4. Jh. deutet darauf hin, daß
es sich nicht nur um Einzelfälle der Tradition handelt. Vielerorts
werden die Gesänge antiphonal von der ganzen Gemeinde gesungen.
Auch wenn man nur des mystisch-orientalischen Klangeindrucks wegen
zu der technisch einwandfreien Aufnahme greift: Sie stellt ein wichtiges
Dokument liturgischen Lebens dieser seit 1522 mit Rom unierten Kirche dar.
Im vergleichsweise spröden Beiheft werden einzelne Texte in Umschrift
und französischer Übersetzung geboten; Informationen finden sich
in Französisch und Englisch.
Einen leichteren Zugang zu arabisch-christlicher Musik für Hörer
unserer Zeit bietet ein Projekt der Gruppe Vox, die auf ihrer neuen CD
syrischen Frauengesang – technisch etwas aufbereitet – mit einer "surrealen
Klanglandschaft konfrontiert". Das Beiheft ist ansprechend gestaltet, bietet
alle Texte in deutscher und englischer Übersetzung und stellt auch
einen Bezug zu ihrem ursprünglichen liturgischen Zusammenhang her.
Auch wenn die Mischung archaisch-orientalischer und elektronischer Klänge
auf der "Hildegard-von-Bingen-Welle" manchmal etwas gewollt wirken mag,
ist doch der Gesamteindruck überaus positiv. Die Aufnahme hätte
trotz aller berechtigter Eklektizismus-Vorwürfe das Zeug zu einer
"Kult-CD".