Eckhard Jaschinski: Kleine Geschichte der Kirchenmusik, Freiburg 2004, 143 S., 3-451-28323-9, 9,90 EUR.
In großen Schritten durcheilt der Autor zwei Jahrtausende Musikgeschichte und bereitet das zum Thema Kirche gehörende - von der apostolischen Zeit bis zum Neuen Geistlichen Lied hin - in gut lesbarer Form auf. Die Kapitel 1-8 zeichnen schlaglichtartig Epochen Kirchenmusikgeschichte nach. Daß es sich dabei eher um Epochen der Liturgiegeschichte handelt, und die musikalische Entwicklung zunächst in Abhängigkeit von gottesdienstlichen Vollzügen dargestellt wird, wird dem Leser schnell deutlich. Diese Sicht des Autors - immerhin ist er Liturgiewissenschaftler an der Ordenshochschule der Steyler-Missionare in St. Augustin und nicht etwa Kirchenmusiker - ist durchaus zielführend. Man spürt es bereits in den ersten Kapiteln, in denen man aufgrund der Quellenlage nur allgemein Texte zur Liturgie, nicht aber Gesangbücher oder gar einzelne Kompositionen auswerten kann.
Demgegenüber ist bemerkenswert, daß schon der Klappentext des Buches zwischen "Musik in der Feier des Gottesdienstes" und "Kirchenmusik als autonome Kunstform" unterscheidet. Diese prinzipielle Differenz wird leider nicht systematisch, sondern nur im Rahmen der jeweiligen Chronologie betrachtet, ist aber gleichwohl für heutiges Empfinden maßgebend.
Was das Inhaltsverzeichnis undifferenziert "Einleitung" nennt, breitet auf mehr als zwanzig Seiten - neben einer Begriffsscheidung von "Kirchenmusik, Musica sacra, geistliche Musik" - eine anthropologische, theologische und liturgische Annäherung an das Phänomen aus. Es geht dabei um biologische, kulturelle und therapeutische Dimensionen ebenso wie um die schon von Platon eingeführte und maßgeblich von Schelling und Nietzsche entwickelte Scheidung zwischen apollinischen und dionysischen Künsten, die auch Joseph Ratzinger im Kern seiner Überlegungen zur Kirchenmusik übernommen hat.
So verdienstvoll diese interesseweckende Einleitung ist, steht sie doch - was die theologische Dimension angeht - zusehr unter der Kirchenmusikdefinition des II. Vatikanums, die mehr oder weniger deutlich im Motu proprio Pius' X. aus dem Jahr 1903 gründet. Man hätte sich - analog zu der folgenden historischen Betrachtung des Themas - mindestens bei der theologischen Grundlegung auch einen Blick in die ältere Theologiegeschichte gewünscht.
Die für den Umfang des Buches notwendige, in sich aber fragwürdige Beschränkung auf die "katholische" Kirchenmusik wird wenigstens durch einen Seitenblick auf die deutschsprachige Reformation, vom Gesangbuch bis hin zu Johann Sebastian Bach, aufgebrochen. Der letzte Abschnitt "Vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis zur Gegenwart" widmet breiten Raum den "Aussagen zur Kirchenmusik in gesamtkirchlichen Dokumenten", läßt Namen wie Rohr, Quack, Schieri und Doppelbauer nicht unerwähnt und widmet sich abschließend auf acht Seiten dem Neuen Geistlichen Lied im deutschen Sprachraum - immerhin acht Prozent des Umfangs des historischen Teils! Die Überschrift über diesem letzten Kapitel lautet demnach auch "Elitäre und populäre Kirchenmusik" und ein Ausblick führt in die "Musik der Stille", die der Autor in der Zukunft erwartet.
Warum Verlage immer noch fürchten, 135 Fußnoten verschreckten - stünden sie am Fuß der 130 Seiten - potentielle Käufer von Büchern, ist wohl einer unausrottbaren Zeitgeist-Ideologie geschuldet. Verdienstvoll ist der doppelseitige tabellarische Überblick in Form einer Zeittafel am Schluß des Buches, die Liturgie und Kirchenraum, Musik, Musiker und Komponisten sowie Kirchliche Erlasse in übersichtlicher Form aufführt.
Das gut und flüssig lesbare Bändchen bietet einen guten Überblick über die "katholische" Kirchenmusik. Für den Kenner finden sich darüber hinaus etliche Horizonterweiterungen.
Grundkurs Liturgie
Martin Stuflesser / Stephan Winter: Grundkurs Liturgie. Bd.1: Wo zwei oder drei versammelt sind. Was ist Liturgie?; Bd. 2: Wiedergeboren aus Wasser und Geist. die Feiern des Christwerdens; Bd. 3: Geladen zum Tisch des Herrn. Die Feier der Eucharistie; Regensburg. Jeweils 13,90 EUR
Katechese ist der Tod der Liturgie. Liturgiekatechese aber ist unabdingbar. Ein Gottesdienst will die Menschen mit "der Erfahrung des Heils beschenken" und nicht über die Heilsgeschichte informieren, er will mit dem Geheimnis Gottes in Kontakt bringen und nichts erklären - weder sich selbst noch andere Glaubenswahrheiten. Daher kann die Unterweisung im Glauben ihren Ort nicht innerhalb der Liturgie haben, sondern davor als katechetische Hinführung oder danach als mystagogische Vertiefung.
Diesen Ansatz der Mystagogie verfolgt der auf sechs Teile konzipierte "Grundkurs Liturgie", der derzeit von den beiden jungen Liturgiewissenschaftlern Martin Stuflesser und Stefan Winter bei Pustet in Regensburg erscheint. Neben den drei erschienenen Bänden sind die Themen "Taufgedächtnis, Umkehr und Versöhnung", "Liturgische Dienste" und "Segen" geplant. Andere Themen - wie beispielsweise das Stundengebet trotz zunehmender Aktualität, auch auf dem Hintergrund von Wort-Gottes-Feiern - bleiben bedauerlicherweise unberücksichtigt.
Die Reihe beginnt verheißungsvoll. Ausgehend von der wohl eindrucksvollsten Dichtung, die die römische Liturgie hervorgebracht hat - dem Exsultet - erläutern die Autoren die dialogische Grundstruktur der Liturgie. Texte aus dem Meßbuch, der Bibel, der Didache, der Traditio Apostolica, der (frühen) Kirchenväter und des 2. Vatikanums werden zitiert und beleuchten sich gegenseitig. Daß dabei neben zentralen Texten wie dem Exsultet oder dem Meßkanon auch Orationen herangezogen und typologisch gedeutet werden, zeugt von der Ernsthaftigkeit des Unternehmens, bei (den Texten) der erlebeten Feier anzusetzen und in diese tiefer einzuführen.
Löblich ist ferner, daß sich die Autoren einen ganzen Band lang der Frage widmen, was Liturgie überhaupt sei und hierfür nach ganz grundsätzliche Antworten in Humanwissenschaften und Theologie suchen. Eine Grundlegung, die beim Blick auf praktische Probleme des Gottesdienstes oft unterbleibt. Breiten Raum nimmt in diesem ersten wie in den Folgebänden die biblische Grundlegung und die Liturgiegeschichte ein. Vielleicht ist es dem Zeitgeschmack zuzurechnen, daß auf die exemplarische Vorstellung der ersten fünf Jahrhunderte gleich das 2. Vatikanum folgt, so als wenn die 1500 Jahre dazwischen entweder nichts Nennenswertes oder aber nur Fehlentwicklungen hervorgebracht hätten. Viele Riten erschließen sich tatsächlich jedoch nur auf der Folie des höfischen Zeremoniells, der wechselseitigen Beeinflussungen verschiedener regionaler Liturgiefamilien sowie der kultischen Relecture des Alten Testaments. Wem das alles zu kompliziert erscheint, der wird auch über den ausführlichen Vergleich zwischen jüdischen Mahl- und Pessach-Riten einerseits und christlichen Agape- und Eucharistiefeiern im dritten Band hinwegblättern.
Und hier liegt wohl der Hauptkritikpunkt, den man an die Reihe anlegen kann: Das Ansetzen beim Zentralen ist richtig und wichtig. Für einen "Grundkurs Liturgie" gerade unter mystagogischer Perspektive greift es jedoch zu kurz. Wer den "Genotyp" des zu feiernden Geheimnisses verstanden hat, dem hat sich noch lange nicht sein "Phänotyp" erschlossen. Um "liturgischem Wildwuchs" (Vorw. Bd.1) vorzubeugen, genügt es gerade nicht, theologische Grundfragen zu klären. Stattdessen müssen diese Inhalte auch in ihrer jeweiligen liturgischen Form lebendig und verständlich werden.
Wer einen Grundkurs Theologie sucht, der - treu seinem mystagogischen Ansatz - von den Mysterien des Glaubens ausgeht und sie im Rückgriff auf verschiedene Texte aus der Frühzeit des Christentums deutet, ist mit der Reihe von Stuflesser und Winter gut beraten. Ein Desiderat bleibt weiterhin ein aktueller Grundkurs Liturgie, der über das zentrale Sakramentsverständnis hinaus auch einzelne Elemente aus der zweitausendjährigen Ritengeschichte betrachtet, ihre Struktur und Herkunft erschließt, sie dem großen Ganzen zuordnet und sie spirituell fruchtbar macht.
Kreuze am Athos
Ralles Kopsides: Crosses at Athos - Kreuze auf dem Berg Athos, Frankfurt am Main (Wilfried Nold) 2000, 56 S., 30 cm, ISBN 3-922220-99-1, 12,40 EUR.
Ein verstecktes Juwel griechisch-orthodoxer Volkskunst stellt die Publikation "Kreuze auf dem Berg Athos" vor. Kreuze aus Marmor, Gußeisen und Holz finden sich dort ebenso wie gestickte Kreuze auf sakralen Gewändern oder auf Kupferstichen. Über viele Jahre hinweg hat der 1929 geborene Maler und Hagiograph Ralles Kopsides zahlreiche Kreuzesabbildungen gesammelt und gezeichnet. Zusammen mit einer Einführung von Prof. Nikolaos Moutsopoulos erschienen sie anläßlich der Milleniumsfeiern des Heiligen Berges im Jahre 1963. Es ist das Verdienst des Künstlers und Verlegers Wilfried Nold, diese eindrucksvolle Sammlung erstmals in deutsch (und englisch) zugänglich gemacht zu haben.
Wenn auch die Einführung der beiden Übersetzerinnen Irene Lang und Sophia Martinou nicht auf neuestem Stand ist, begibt man sich doch mit dem Bildheft in der Hand gerne auf Entdeckungsreise zu den Kreuzen auf dem Heiligen Berg Athos.
Athos erlesen
Rudolf Billetta: Athos, [Europa erlesen], Klagenfurt (Wieser) 2000, 330 S., 15 cm, ISBN 3-85129-337-1, 12,95 EUR.
Bereits 1992-94 hat Rudolf Billetta in seiner - leider sehr abseitig verlegten -fünfbändigen Publikation alte Berichte über Reisen zum Berg Athos gesammelt und damit ein Standardwerk geschaffen. Für die ambitionierte Reihe "Europa erlesen" des Wieser Verlags hat er aus den dort veröffentlichten, aber auch aus neueren Reiseberichten eine bunte Auswahl getroffen, die vielerlei Aspekte des Heiligen Berges beleuchtet. Nikephoros Gregoras (um 1350) oder Christoforo Buondelmonti (um 1400) kommen dabei ebenso zur Sprache wie der Architekt Le Corbusier (1911), der Expressionist Theodor Däubler (1923) oder der Journalist Freddy Derwahl (1991). Manche Texte hat der Herausgeber erstmals ins Deutsche übertragen und dafür zuweilen - wie z. B. bei Pierre Belon - einen nicht unpassenden historisierenden Sprachstil gewählt. Die 110 Abschnitte sind meist nur wenige Seiten lang und werfen ebenso ein Schlaglicht auf eine bestimmte Situation auf dem Athos wie auf die Sichtweise des Betrachters. Ein siebenseitiges Glossar und ein zehnseitiges Verzeichnis der Quellen und benutzten Übersetzungen runden das Bändchen ab. Auch wenn der im Vorwort reklamierte bibliophile Anspruch (vor allem was den Textsatz angeht) leider nicht ganz eingelöst wird, ist hier ein hübscher, facettenreicher Reisebegleiter entstanden, der nicht zuletzt angenehm in der Hand liegt.
Athosreisen
Folker Reichert / Gerrit J. Schenk: Athos. Reisen zum Heiligen Berg 1347-1841 [Fremde Kulturen in alten Berichten], Stuttgart (Thorbecke) 2001, 368 S., 23 cm, ISBN 3-7995-0611-X, 24,00 EUR.
Ein ähnliches Ziel wie Billetta verfolgen Folker Reichert und Gerrit J. Schenk in ihrer Sammlung von Reiseberichten zum Berg Athos aus fünf Jahrhunderten. Gleichwohl ist ihr Konzept mehr auf Zusammenhänge ausgerichtet. Zunächst sind die Ausschnitte deutlich länger (durchschnittlich 18 Seiten), zudem wurden sie in eine chronologische Folge gebracht. Unter den 14 Autoren sind immerhin vier, die bei Billetta keine Berücksichtigung fanden. Auch in dieser Auswahl wird deutlich, daß es verschiedene Blickwinkel der Beschreibung des Athos gibt: neben der des Pilgers auch die des Historikers, des Kunsthistorikers, des Naturforschers oder des spirituellen Suchers.
Was das Buch vor vergleichbaren Textsammlungen auszeichnet - die Reflexion über Athos-Literatur begann bereits 1928 mit einem Aufsatz von Walter Kühne in der Zeitschrift "Die Drei" - ist die hervorragende Einleitung und konzentrierte Kommentierung der Reiseberichte. Auf 42 Seiten umreißen die Herausgeber die Geschichte und Spiritualität des Heiligen Berges. Dieser Überblick stellt trotz seiner Knappheit eine seriöse Erstinformation dar, die auch komplexere Themen - wie den athonitischen Hesychasmus - nicht ausspart. Auf weiteren 18 Seiten stellen Reichert und Schenk die Autoren der Reiseberichte vor und ermöglichen dem Leser ihre Einordnung durch biographische Notizen und historische Hintergründe.
Anmerkungen, eine Übersicht der Klöster am Heiligen Berg, ein ausgezeichnetes Glossar und ein Text-, Literatur-, und Abbildungsverzeichnis sowie ein Orts- und Personenregister stehen am Schluß des Bandes.
Der Athos ruft
Helmut Starrach: Der Ruf des Athos. Erfahrungen und Begegnungen auf dem Heiligen Berg, Freiburg (Herder) 2002, 143 S., 21 cm, ISBN 3-451-27733-6, 19,90 EUR.
Wohl als Geschenk für Athosfreunde ist dieses beim Herder-Verlag erschienene Buch gedacht. In für das kleine Format großzügiger Aufmachung spricht es durch die durchgehend farbige Bebilderung an. Sollten die Photos jedoch tatsächlich (wie angegeben) vom Verfasser stammen, müßte er seine Pilgerfahrt streckenweise mit dem Hubschrauber unternommen haben. Ähnlich undurchsichtig erscheint das Zustandekommen des Textes. Er ist augenscheinlich aus mehreren Reiseberichten zusammengefügt, denn wie wäre es sonst zu erklären, daß in der Heiligen Woche in der Trapeza von Iviron Käse und Oliven aufgetischt wurden. Nun, die Reisegruppe um Helmut Starrach hatte ihre "Landjäger mitgebracht", um auch in der Karwoche der fleischlosen Kost der Mönche zu begegnen. Augenscheinlich haben weder mehrere Besuche am Athos noch die Lektüre der im Anhang angegebenen Literatur in ihnen Verständnis für das geistliche und praktische Leben der Mönche geweckt.
Da ist schon nebensächlich, daß die Beschreibung der Einreiseformalitäten schon seit Jahren überholt ist (S. 12), die Gebühr für das Diamonitirion nicht etwa 40 sondern nur 25 Euro beträgt (15) und der Stempel der Epistaten auf diesem Athos-Paß schon seit Jahrzehnten nicht mehr aus vier Teilen zusammengesetzt wird (16). Auch die Erläuterungen zur klösterlichen Idiorhythmie - obschon als lebendige Realität dargestellt (40f, 51) - ist nurmehr Geschichte. Wer Ikonen wie die Portaitissa von Iviron unter dem Blickwinkel des Kunsthistorikers betrachtet (31), sollte nicht die Mosaikikone des hl. Nikolaus aus Stavronikita ins 4. Jahrhundert zurückdatieren (47). Auch handelt es sich bei dem Bild auf S. 53 aus dem Narthex von Vatopädi mitnichten um den Bilderzyklus zum Akathistos-Hymnus. Vielmehr sind im oberen Register Szenen aus dem Marienleben dargestellt, wie sie auch andernorts (etwa in der Trapeza der Megisti Lavra) begegnen. Wenn es ein Kennzeichen von der Verklärung Christi geweihten Kirchen wäre, in der Kuppel die Darstellung des Pantokrators zu zeigen (46), trügen nahezu alle byzantinische Kirchen dieses Patrozinium. Die Liste der Irrtümer, Halbwahrheiten und Fehler ließe sich fortsetzen.
Nach der Lektüre des Buches bleibt rätselhaft, wie das Manuskript die Hürde des Verlagslektorats im Hause Herder überwinden konnte, um ins Programm des renommierten Verlags aufgenommen zu werden. Als Geschenk für Athospilger eignet es sich jedoch allenfalls der Bilder wegen.
Athos still
Hans Steinacker: Athos. Weisheit aus der Stille. Mit Fotos von Harald Löw, Gießen (Brunnen) 2002, 48 S., 24 cm, ISBN 3-7655-6373-0, 13,90 EUR
Ganz anders die zeitgleich vorgelegte Neuerscheinung aus dem Brunnen-Verlag. Hier ist ein ansprechender Bild-Text-Band entstanden, der etwas von der spirituellen Dimension des Heiligen Berges und der Ergriffenheit seiner Besucher ahnen läßt. Die wunderbaren, großformatig reprodzierten Photos von Harald Löw haben Atmosphäre. Silleben, wie das Titelbild (vom Kellion Megali Jovannitsa zum morgendlichen Athos photographiert) oder ein Tablett mit dem Willkommgruß der Klöster, Architekturaufnahmen und Portraits von Mönchen werden ergänzt durch einen knappen, einfühlsamen Reisebericht von Hans Steinacker. Den Bildern beigegeben sind gut ausgewählte Sprüche der Wüstenväter, die manchmal unmittelbar, oft aber auch hintergründig die Photografien illustrieren. Texte und Bilder erschließen sich gegenseitig und eröffnen so wechselseitige Zugänge. Ein rundum empfehlenswertes Buch.
Athos-Atlas
Paul M. Mylonas: Bildlexikon des Heiligen Berges Athos, Tübingen (Wasmuth) 2000, I (Einführende Texte, deutsch) 193 S., 28 cm, II (Photographische Dokumentation der Landschaft und der Klöster, viersprachig) 343 S., 28 cm, III (Karten und Tafeln, viersprachig) 34 Pläne, 52×80 cm, ISBN 3-8030-1047-0 (Gesamtausgabe deutsch), 126,80 EUR.
"Man kann ohne Wiederspruch zu provozieren, voraussagen, daß der monumentale Atlas des Athos von Paul M. Mylonas Geschichte machen wird", schreibt der Herausgeber der Archives de l'Athos Jaques Lefort in der Vorrede zu dem einzigartigen Werk, mit dem einer der profiliertesten Kenner des Heiligen Berges die Summe eines langen Forscherlebens vorlegt. Ein Textband mit Erläuterungen zu den Plänen, eine Photodokumentation und 34 großformatige Pläne gehören zu dem Bildatlas der zwanzig souveränen Klöster des Athos, dem noch ein Bildlexikon und eine ähnlich angelegte Arbeit über die zwölf Skiten und sonstigen klösterlichen Institutionen folgen sollen. Kernstück des Atlas sind die präzisen Pläne der Klöster, die nach verschiedenen Methoden aufgenommen, überprüft und nach der Zeichnung in Maßstäben von 1:200 bis 1:50 vom Verfasser nochmals an Ort und Stelle kontrolliert wurden. Diese Dokumentation ist die ideale Grundlage für weitere Forschungs- bzw. Restaurierungsmaßnahmen. Im begleitenden Textband werden die Pläne erläutert und weitere Informationen beigesteuert.
Doch damit nicht genug: aus dem viele tausend Aufnahmen umfassenden Photoarchiv des Verfassers sind 168 Bilder in einen eigenen Band aufgenommen worden. Die Photos, vielfach vom Hubschrauber aufgenommen, illustrieren die Pläne und die landschaftlichen Gegebenheiten durch ungewohnte und nie gesehene Perspektiven. Allen Photos sind ausführliche Legenden in griechisch, deutsch, englisch und russisch beigegeben.
Das großartige Werk ist keineswegs nur von wissenschaftlichem Interesse. Zumindest Text- und Photoband halten viele interessante Details bereit, die man an anderer Stelle vergeblich suchen wird. Und nebenbei erfährt der Leser auch, daß der Gipfel des Athos nicht 2033 m, sondern nur 2025,54 m hoch ist.
Athos - Die Klostergründungen
Massimo Capuani / Maurizio Paparozzi, Athos. Die Klostergründungen. Ein Jahrtausend Spiritualität und orthodoxe Kunst, 248 S., 210 teils farbige Abb., Leinen, ISBN 3-7704-3409-3, DM 98,-
Viele Bücher - auch etliche respektable und gut fotografierte Bildbände - sind über den Athos in den letzten Jahren erschienen. Daß der großformatige Bildband über die nordgriechische Mönchs-Halbinsel eine Lücke auf dem Buchmarkt füllt, kann man also nicht gerade behaupten.
Doch wird bereits auf den ersten Blick deutlich, daß Massimo Capuanis Bilder hohe Ansprüche erfüllen. Er fotografiert mit sicherem Empfinden und keineswegs nur illustrativ. Wenn den da und dort eingefangenen Stimmungen zuweilen der Hauch von etwas Musealem anhaftet, kommt das vermutlich dem Blickwinkel vieler Besucher des Heiligen Berges entgegen. Auch die Farben verstärken diesen Eindruck: zweifellos haben sie bei der Reproduktion gelitten. Besonders deutlich wird dies bei den Schwarzweiß-Bildern, die stellenweise sehr grobkörnig und daher wie aus anderen Publikationen übernommen wirken (z. B. 66f).
Der Band gliedert sich in drei Teile. Der 25seitige Beitrag von Maurizio Paparozzi zu "Geschichte, Kultur, Spiritualität" eröffnet das Buch mit einem instruktiven Streifzug durch Athos-Reiseberichte und -Zeugnisse. In einem zweiten Teil (S. 63-91) referiert Capuani die Charakteristika der athonitischen Kunst gegliedert in Architektur, Malerei, Bildhauerei und Kleinkünste sowie einem Beitrag über die aus der Liturgie erwachsenden Anforderungen an die Kunst. Doch gerade bei diesem letzten Abschnitt wird deutlich, daß weder Verfasser noch Übersetzerin einen Zugang zum liturgischen Leben gefunden haben und damit die kunstgeschichtliche Betrachtung an manchen Stellen zu kurz greift.
Auch hätte man sich zuweilen ein intensiveres Eingreifen des Lektors in die Übersetzung gewünscht. Es wären dann wohl weniger redundante Passagen (S. 145 "20.000 gedruckte Bände" oder S. 201 "das kleinste Athoskloster"), befremdliche Übersetzungen oder falsche Begrifflichkeiten (S. 86 Kodizes sind "bestickt" statt "verziert", S. 201 "Gasthaus" statt "Empfangszimmer" des Klosters, S. 149 "Köpfung" statt "Enthauptung" des Johannes, S. 129 "georgianische" statt "georgische" Mönche) stehen geblieben.
Im Hauptteil des Buches verbinden sich die Bilder mit Beschreibungen der 20 Großklöster, des Hauptortes Karyes und der Skiten. Im immer gleichen Aufriß stellt Capuani Geschichte und Kunst des jeweiligen Klosters und Bemerkenswertes aus seiner Umgebung dar. Jedem Kloster ist ein schematischer Grundriß beigegeben, der allerdings zuweilen etwas unzureichend beschriftet ist (z. B. S. 201, 225). Äußerst hilfreich sind hingegen die detaillierten Grundrisse des Katholikons eines jeden Konvents, in den mittels Bezifferung das ikonographische Programm eingetragen ist. Auf diese Weise erschließen sich die reichen Bilderzyklen der Kirchen (und - wo es lohnend erscheint - auch der Speisesäle). Eine Kopfzeile mit dem jeweiligen Klosternamen würde die Orientierung sehr erleichtern.
Abschließend finden sich auf wenigen Seiten (242-248) neben einem hilfreichen Glossar auch die "wichtigsten Typika des Berges Athos" aus den Jahren 972, 1045 und 1406 in einer summarischen Darstellung sowie Biogramme von Heiligen und Personen aus der Athonitischen Ikonographie - beides begrüßenswerte Ansätze, die in anderen Publikationen zu vermissen waren.
Entstanden ist ein repräsentativer Bildband, der die Freunde des Heiligen Berges zum Schauen einlädt und auf leicht zugängliche Weise wichtige Informationen über die kunstgeschichtliche Bedeutung und Geschichte der Athosklöster bietet.
Die Athos Lavra
Thomas Steppan, Die Athos-Lavra und der trikonchale Kuppelnaos in der byzantinischen
Architektur, München 1995, 272 S., 169 Abb., fest geb., ISBN 3-925801-14-6,
DM 168,–
Als der Innsbrucker Kunstgeschichtler Thomas Steppan 1986 im Rahmen
seiner Magisterarbeit die Forschungen über das Katholikon der Megisti
Lavra am Berg Athos aufnahm, waren die Athoskirchen unter architektonischen
Gesichtspunkten noch kaum ernsthaft untersucht worden. Eher am Rande beschäftigte
sich seit der letzten Jahrhundertwende die Forschung im Rahmen der neu
entdeckten byzantinischen Kunst mit der Architektur.
In seinem Dissertationsprojekt, das seit einiger Zeit in gedruckter
Form vorliegt, beschäftigte sich Steppan intensiver mit dem Trikonchos,
jenem Bautypus, bei dem drei Konchen (halbrunde Anbauten) von einem quadratischen
oder rechteckigen Raumkompartiment ausgehen, und der in einer Kreuzkuppelkirche
erstmals im Katholikon der Megisti Lavra aus dem 10. Jh. verwirklicht ist.
Das frühchristliche System der längsgerichteten Basilika wird
dabei durch Formen des Zentralbaus erweitert. Die Vorteile beider Konzepte
– theologische, liturgische, architektonische – ergänzen sich.
Als Vor-Entwicklungsstufe macht Steppan hier die Basilika mit achsial
angefügter Memorie aus. Als bedeutende Beispiele hierfür dienen
ihm die Anastasis in Jerusalem, deren Rotunde zudem auch drei Konchen besitzt,
sowie die Geburtskirche in Betlehem, deren Vorgängerbau vermutlich
auf ein Oktogon mit zentraler Confessio zielte, in ihrer heutigen Form
allerdings nurmehr den trikonchalen Chorschluß besitzt.
Besonders für Klosterkirchen hat sich die Anlage der drei Choroi
bewährt, da in den seitlichen Konchen die Psallierchöre in unmittelbarer
Nähe zum Allerheiligsten, dennoch aber vom Naos getrennt und zudem
noch akustisch vorteilhaft zu positionieren waren. Der Naos selbst konnte
dann relativ klein bleiben (in Klöstern bestand kaum Raumbedarf für
Gläubige), was der Kuppelstatik zugute kam. Steppan gibt detailliert
Aufschluß über die Bauphasen des Lavra-Katholikons und die ihnen
zugrundeliegenden formalen und ikonologischen Gestaltungsprinzipien. Er
weist nach, daß Athanasios, der Gründer der Lavra, zusammen
mit seinem Architekten Monachos Isaias, der vermutlich für den vor
1002 vollendeten dritten Bauabschnitt verantwortlich zeichnet, keineswegs
zufällig die architektonische Harmonie erreichten. Sie entwickelten
bewußt ein Ideal der byzantinischen Klosterkirche, die in unmittelbarer
Nachbarschaft von weiteren Klöstern am Heiligen Berg übernommen
wurde und als Athos-Typ eine enorme Wirkungsgeschichte in der ganzen byzantinischen
Welt zeigte.
Mit dem typographisch auf die klassischen kunstgeschichtlichen Publikationen
der Jahrhundertwende zurückgreifenden Buch liegt erstmals eine Studie
zur Architektur der Athos-Kirchen vor. Details zur Geschichte der Kirchen
und Klöster finden sich seriös und konzentriert dargestellt.
Ein Literaturverzeichnis (S. 169–182) und ein Glossar (S. 187–193) runden
die Publikation ab. Die 169 Abbildungen (Fotos, Grundrisse, Zeichnungen
von unterschiedlicher Qualität) stehen zusammengefaßt in einem
Tafelanhang. Die Grundrißanalysen wären allerdings auch dem
Laien zugänglicher gewesen, wenn die im Text genannten Punkte auch
in den Zeichnungen eingetragen und diese unmittelbar im Text und nicht
im Tafelanhang plaziert worden wären.
Steppans Dissertation ist dennoch nicht nur für Wissenschaftler
und Liebhaber byzantinischer Kunst, sondern für jeden Athos-Begeisterten
von großem Interesse.
Balthasar Neumann
Erich Franz: Räume, die im Sehen entstehen. Ein Führer zu sämtlichen
Bauten Balthasar Neumanns, Ostfildern 1998, 260 S., 48,– DM, ISBN 3-930717-57-3
Ein Raum entsteht nicht auf dem Papier des Baumeisters und auch noch
nicht unter den Händen der Werkleute. Ein Raum entsteht letztlich
in der Wahrnehmung des Benutzers. Das heißt, daß zu einem Raumerlebnis
mehr gehört als das materiell Gebaute. Bei Balthasar Neumann zeigt
sich in Wänden und Wölbungen, in den Rhythmen aufgebrochener
Zwischenräume und im gestalteten Licht ein Barock, der nicht Schein
und Theater, sondern Substanz und Gestalt des Unbegrenzten ist.
Dieser neuen Betrachtungsweise öffnet sich der Kunsthistoriker
Erich Franz in seinem schön gestalteten Band über die Bauten
des Barockmeisters Balthasar Neumann. Er verbleibt dabei nicht bei Einzelelementen,
sondern richtet den Blick darüber hinaus auf den Sehvorgang selbst:
die Verbindung der real getrennten Einzelheiten im Schauen. Nicht nur als
Reiseführer oder Werkkatalog ist das reich bebilderte Buch zu verstehen,
wenngleich es selbstverständlich zu jedem Bauwerk eine historische
Einordnung voranstellt. Vielmehr regt es an, das wahrzunehmen, was sie
zu wirklichen Kunstwerken macht: ihren sinnlichen Reichtum. Keine Erklärung
des "Dahinterliegenden" reicht aus, keine Rede über sie, sondern allein
die aktive Begegnung mit ihnen. Ein Buch, das zur erneuten Begegnung mit
Neumann in Franken einlädt.
Typographie
Hans Peter Willberg, Friedrich Forssmann, Erste Hilfe in Typographie. Ratgeber
für Gestaltung mit Schrift, Mainz 1999, 104 S., 24,– DM,
ISBN 3-87439-474-3
Typographie ist heute nicht mehr nur Profis vorbehalten. Jeder, der
einen Computer hat, gestaltet mit Schrift – mehr oder weniger bewußt,
mehr oder weniger gut. Doch die Form einer Botschaft ist Bestandteil dieser
Botschaft. Daher ist "Erste Hilfe in Typographie" dringend geboten.
Willberg und Forssmann, deren theoretische und praktische Beiträge
zu Design und Typographie über die Fachwelt hinaus große Beachtung
erlangten, gehen stets von konkreten Beispielen aus. Die Leser werden dadurch
behutsam mit zunehmender Kritikfähigkeit ausgerüstet, was selbstverständlich
die eigene Arbeit prägen wird. Hierin liegt wohl der wichtigste Ansatzpunkt
typographischer Erziehung im Computerzeitalter. Durch die Demokratisierung
der Technik und die damit verbundene unreflektierte Übertragung der
Regeln für das Maschineschreiben auf komplexe Textverarbeitungs- und
Layoutsoftware entstehen eine Vielzahl unansehlicher Publikationen, an
deren Erscheinungsbild die Meisten sich aber bereits gewöhnt haben.
Sensibilisierung tut hier zuallererst Not! Dies leisten Willberg und Forssmann
durch die ausgewählten Beispiele und die beigegebenen Kommentare ganz
hervorragend. Dabei berücksichtigen sie etwa Lesbarkeit von Schriften,
Wort- und Zeilenabstände, Auszeichnungen, Ziffern und Zahlen, Briefgestaltung,
Bilder und Grafiken oder Schrift auf dem Bildschirm, aber auch Typographie
für Kinder und ein "Gruselkabinett" gehören zu den Themen, die
leicht verständlich und manchmal gar vergnüglich dargeboten werden.
Besonders hervorzuheben sind die Schrift- und Bilddruckproben auf vier
verschiedenen Papierqualitäten. Eine Vergleichsmöglichkeit, die
sich dem Laien sonst nicht bietet.
Die beispielorientierte "Erste Hilfe" will sich andererseits nicht
als systematisches Lehrbuch verstanden wissen. Wer sich bis zur Hälfte
vorgearbeitet hat und in einem Suchbild die "beliebtesten typographischen
Fehler" zu finden versucht, wird wohl noch die Auflösung bemühen
müssen, um zu verstehen, was Orthotypographie wirklich ist. Das mag
auch daran liegen, daß die Kommentare zu den Beispielen den eigentlichen
Fehler oft nicht klar genug benennen; so hat sich sicher die Mehrzahl der
Zeitgenossen bereits an ein "ß" zwischen Veralien ("FITNEßSTUDIO")
gewöhnt.
Wer nicht nur einigermaßen brauchbaren, sondern wirklich guten
Satz machen will dem empfehlen die Autoren selbst weiterführende Studien.
Doch wäre schon viel gewonnen, wenn wir Computernutzer uns wenigstens
"Erste Hilfe" in Typographie leisten ließen. Ein Leitfaden, der neben
keinem Computer fehlen sollte.
Lust an Liturgie
Michael Kunzler, Archieratikon. Einführung in Geist und Gestalt der
bischöflichen Liturgie im byzantinischen Ritus der griechisch-katholischen
Kirche der Ukraine, Paderborn: Bonifatius 1998, ISBN 3-89710-039-8
Vierhundertsechzig Seiten "Einführung in Geist und Gestalt der
bischöflichen Liturgie im byzantinischen Ritus der griechisch-katholischen
Kirche der Ukraine" erscheinen reichlich speziell, zumal wenn eine solche
Studie von katholischer Seite vorgelegt wird. Gleich im Vorwort nimmt der
Autor – seit 1988 Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen
Fakultät Paderborn – denn auch die möglichen Einwände vorweg
und beruft sich auf ein gemeinsames kulturelles Erbe der Menschheit, will
die Riten des Ostens nicht als Eigentum einer Konfession, sondern als Gabe
Gottes verstanden wissen.
In Kunzlers Buch folgt nach einer dogmatischen Grundlegung über
die Theologie der Liturgie und der Ämter ein kurzes geschichtliches
Kapitel über die griechisch-katholische Kirche und die byzantinische
Liturgie. Die "Rahmenbedingungen" für den Gottesdienst entfaltet der
Autor unter den Stichworten Leiblichkeit, Sprache, Musik, Gewänder,
Geräte, Naturdinge und Gottesdienstraum. In einem eigenen Kapitel
wird das Kirchenjahr anhand der großen Feste vorgestellt; selbstverständlich
wird dabei auch die Kalenderfrage angesprochen. Es folgt die eigentliche
Liturgieerklärung (134 Seiten) in drei Teilen: Vorbereitung, Katechumenen-
und Gläubigenliturgie. Anregung zur Gestaltung eines Dies orientalis
in den Pfarreien hierzulande runden die Ausführungen ab. Am Schluß
ist der Ritus der Liturgiefeier in Deutsch und Ukrainisch im klassischen
Zweifarbendruck wiedergegeben.
Bereits auf dem Buchumschlag bekennt der Autor, es gehe ihm darum,
"Unbekanntes in Theologie und Gottesdienst aus dem Osten mit Bekanntem
aus der eigenen westlichen Tradition zu vergleichen und miteinander zu
erklären, so daß über den Umweg über eine fremde Kirchlichkeit
diese nicht nur dem Glaubenden nähergebracht wird, sondern dieser
seine eigenen abendländischen Traditionen in neuem Licht zu sehen
lernt und möglicherweise neu zu lieben beginnt." Ist hier ein Plädoyer
für die "Schönheit" der römischen Liturgie über die
Hintertür der byzantinischen intendiert? Ein solcher "Workaround"
wäre sicher unverhältnismäßig. Auch täte man
Kunzler Unrecht, wollte man sein Archieratikon allein darauf reduzieren.
Dennoch spürt man auf fast jeder Seite, daß der Autor unter
derzeitigen Fehlentwicklungen des katholischen Gottesdienstes leidet und
meist kann man nicht umhin, ihm in seinen Analysen zuzustimmen. So wendet
er sich beispielsweise gegen jene, die die Welt, so wie sie ist, in Verkündigung
und Liturgie hereinholen wollen, und fragt, ob die Menschen "Theologie
und Gottesdienst als religiöse Durchlauferhitzer für das aus
dem Alltag sattsam Bekannte" (S. 15) nötig hätten. "Veranstaltungen
von teuflischer Langeweile und trostloser Öde als Spiegel einer unerlösten
Welt" (ebd.) seien die Folge. Genau dadurch wird Liturgie im letzten lebensfern,
begibt sie sich doch des ihr Eigensten: nicht die Welt soll sie spiegeln,
sondern ein Fenster zu einer anderen Welt öffnen, nicht dem Irdischen
soll sie Raum geben, sondern dem Himmlischen Bahn brechen. Solche Liturgie
ist wahrhaft Gottes Dienst am Menschen, vermag sie doch zu beglücken
und zu trösten. Kunzler bekennt, von dieser Freude an der Göttlichen
Liturgie angesteckt worden, gar ihretwegen Priester geworden zu sein.
Mit profunder Sachkenntnis und teils ausgesprochen detaillierten Informationen
erschließt er die fremde Welt byzantinischer Gottesdienste. Dabei
geht er stets vom konkreten Phänomen aus, wie es im Archieratikon
niedergelegt ist, erläutert sodann das geschichtliche Werden – meist
im Vergleich mit westlichen Traditionen – und gibt theologische Deutungen.
Natürlich kann und will ein solches Buch kein spiritueller Begleiter
für die Feier der Liturgie sein, doch wird gerade der, der sich ihm
nicht primär im wissenschaftlichen Interesse nähert, großen
Gewinn daraus ziehen.
Die "geradezu unverschämte Lust" (S. 14) der Byzantiner an Pracht
und Prunk, an Farben, Lichtern und Gerüchen ist es, was westliche
Besucher oft am nachhaltigsten beeindruckt. Lustvoll Gottesdienst zu feiern:
dieses Buch ist ein einziges Werben dafür. Schade, daß dies
der Verlag durch die Preisgestaltung verunmöglicht hat; auch Umschlag
und Typographie hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. Anders als erwartet
ist es aber keineswegs ein Titel für Spezialisten, vielmehr sollte
es Pflichtlektüre gerade für westliche
Gottesschau
Augustinus: Über Schau und Gegenwart des unsichtbaren Gottes. Texte
mit Einführung und Übersetzung von Erich Naab. Mystik in Geschichte
und Gegenwart, Abteilung I, Band 14. Stuttgart/Bad Canstatt : frommann-holzboog,
1998. ISBN 3-7728-1934-6, 296 S., 74,– DM.
Gott kann in dieser Welt nicht gesehen werden, auch wenn er gegenwärtig
ist. Wird er gesehen, so – von Ausnahmen abgesehen – nicht in seiner Substanz,
sondern in einer bloßen Erscheinung. Augustin unterscheidet ein körperliches
Sehen mittels der Augen von einem geistigen und dieses schließlich
von einem einsehenden, einem verstehenden Sehen.
Mit der Frage nach der Schau und der Gegenwart des seinem Wesen nach
unsichtbaren Gottes hat sich Augustinus mehrfach, immer veranlaßt
durch konkrete Anfragen, auseinandergesetzt. Die Antwortschreiben an eine
gewisse Paulina, an den gallischen Präfekten Dardanus und das sogenannte
"Erinnerungsschreiben an Fortunantius", in denen er seine Theologie entwickelt,
finden sich daher auch verstreut im Briefkorpus Augustins. Beigegeben sind
zwei weitere kurze Briefe Augustins an Italica und Cyprian, die die Diskussion
über die Gottesschau ausgelöst haben. Die hier erstmals in deutscher
Übersetzung greifbaren Texte stellt der Herausgeber Erich Naab dem
lateinischen Original (fotomechanische Übernahme aus CSEL) gegenüber.
Eine ausführliche Einleitung bietet einen theologischen Kommentar
und die Einordnung der Schreiben in den historischen Kontext (S. 1–115).
Es ergibt sich eine leserfreundliche Studienausgabe, die den Themenkomplex
"Schau und Gegenwart Gottes" bei Augustin ans Tageslicht hebt. Bibelstellen-
und Personenregister runden die Edition im Rahmen der vorbildlich gestalteten
Mystik-Reihe des Verlages ab.
Orgelführer
Karl-Heinz Göttert / Eckhard Isenberg, Orgelführer Deutschland,
Kassel: Bärenreiter, 265 S., 82 farb. Abb., 24x17cm, gebunden, DM
48,–, ISBN 3-7618-1347-3.
Orgeln sind wie Königinnen: Einzelstücke mit intensiven verwandtschaftlichen
Beziehungen zu ihren Kolleginnen, auch früherer Jahrhunderte. Sosehr
auch jede Orgel gewissen Grundprinzipien gehorcht – wer wollte schon ständig
das Rad neu (und besser) erfinden – sosehr ist jedes Instrument unverwechselbar
und einmalig.
Diese Vielfalt allein in Deutschland vorzustellen, sind die beiden
Autoren angetreten. Karl-Heinz Göttert, der nach eigenem Bekunden
besser schreiben als orgelspielen kann, und Eckhard Isenberg, mit umgekehrten
Talenten, haben aus Tausenden von Instrumenten in Deutschland eine Auswahl
erstellt. Notgedrungen subjektiv überzeugt diese jedoch durch eine
große Bandbreite. Alte und neue, große und kleine, bedeutende
und unbekannte, klassische und kuriose Orgeln werden in fast siebzig Einzelportraits
vorgestellt. Aus einzelnen sehr unterhaltsam geschriebenen Episoden wächst
so das Bild der Geschichte des Orgelbaus: von den Anfängen in der
Renaissance über den barocken Höhenflug, deutsche und importierte
Romantik bis hin zu neueren Experimenten. Ganz nebenbei erfährt man
dabei etwas über viele Detailfragen des Orgelbaus, beispielsweise
die Bleilegierungen für die Pfeifen, die Windladensysteme oder die
Stimmungsprobleme. Mit Göttert und Isenberg entdeckt man den Baß-"Subwoofer"
in St. Luderi zu Norden und das tönende Raumschiff in St. Lamberti
zu Münster, man hört von Mäusen und Schwalbennestern sowie
von den Silbermännern aller deutschen Länder, man fordert Kilometergeld
für den Freiburger Münsterorganisten und begreift schließlich,
daß es Orgeln zum Katholischwerden gibt.
Zu jedem Orgelportrait gehört auch eine Abbildung, die wegen fehlender
Legenden leider zuweilen nur mühsam zugeordnet werden kann. Bei der
Beschaffung der Abbildungen hätte sich der Verlag etwas mehr Mühe
machen dürfen; sie sind von ausgesprochen unterschiedlicher Qualität.
Selbstverständlich finden sich sämtliche Dispositionen der besprochenen
Orgeln im Anhang, dem es allerdings spürbar an Übersichtlichkeit
mangelt. Allgemein wirkt der Satz etwas unausgewogen und die Textzeilen
sind für die gewählte Schrift zu lang geraten.
Das Lesevergnügen macht diese Defizite aber durchaus wieder wett.
Insgesamt ist der Orgelführer Deutschland ein schwungvolles Buch,
das man in die Hand vieler Orgelfreunde wünscht, gerade derer, die
sich nicht zu den technisch versierten Insidern zählen.
Beuroner Kunst
Hubert Krins: Die Kunst der Beuroner Schule. Wie ein Lichtblick vom Himmel.
Beuron: Beuroner Kunstverlag 1998, 126 S., 121 Abb., gebunden, 32,– DM,
ISBN 3-87071-078-0.
Vor hundert Jahren waren die Werke der Beuroner Kunstschule der Inbegriff
der sakralen Kunst. So äußerte sich Romano Guardini 1910 fast
hymnisch: "O diese Falten im weißen Mantel der Gottesmutter von St.
Maurus! Wie gleiten sie, wie sind sie voll der edelsten, unberührbaren
Schönheit!" Heute ahnen nur wenige, welch hoher Anspruch diesen Werken
zugrundelag. Daß Beuroner Kunst noch immer weithin verkannt wird,
liegt zumindest teilweise in ihr selbst begründet. Sie ist einerseits
klösterliche Kunst und damit in eine Tradition eingebunden, andererseits
auch funktionale Kunst und hat sich als solche in ein liturgisches Gesamtkunstwerk
einzufügen.
Zu seinem hundertjährigen Jubiläum legt der Beuroner Kunstverlag
nun ein schön gestaltetes Buch vor, das zu einer Wiederentdeckung
Beuroner Kunst und ihrer Prinzipien beitragen will. Die zahlreichen meist
farbigen Abbildungen wurden großenteils neu aufgenommen und laden
zum Blättern und Vergleichen ein. Dem so gewonnenen ersten Überblick
assistiert der Begleittext aus der Hand des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers
Hubert Krins mit profunder Sachkenntnis. Krins, der selbst an der jüngsten
Restaurierung der Maurus-Kapelle, eines der bedeutendsten Werke der Beuroner
Schule, mitgewirkt hat, führt die Leser durch die Entwicklungsgeschichte
dieses Stils, der zwischen 1868 und 1930 maßgeblich von den Benediktinern
Peter Desiderius Lenz, Jakob Gabriel Wüger, Adolf Paul Krebs und Jan
Willibrord Verkade geprägt wurde. Schwerpunkte ihres Schaffens waren
neben Beuron, wo Kirche und Kloster stark verändert wurden, die Benediktinerklöster
in Monte Cassino, Prag und Rüdesheim. Doch sind es nicht zuletzt die
unausgeführten Entwürfe und theoretischen Arbeiten, die den Hintergrund
dieser Kunstrichtung erschließen. Augenfällig sind die Rückgriffe
auf frühchristliche und altägyptische Kunst. Stilisierung statt
Naturalismus war das Programm, das analog etwa byzantinischen Ikonen innewohnt.
Die Künstler reflektierten dabei auch durchaus die theologische Dimension
ihrer Arbeit und zogen Parallelen von unumstößlichen Glaubenswahrheiten
zu Prinzipien sakraler Kunst.
Angeregt durch dieses Buch wünscht man sich neue Diskussionen
über die Funktion sakraler Kunst, die ihrerseits Perspektiven für
die tatsächliche Gestaltung im Spannungsfeld von Moderne und Tradition
aufzeigt.
Ikonen
Peter Mikliss de Dolega: Ikone und Mysterium. Die geistliche Botschaft
der Bilder, Köln: Verlag Freundeskreis St. Pantaleon 1996, 216 S.,
zahlreiche Farbabb., 24 x 17 cm, gebunden, 49,– DM, ISBN 3-9805197-0-8.
Die frühromanische Basilika St. Pantaleon in Köln geht auf
eine Stiftung der Kaiserin Theophanu zurück, der aus Byzanz stammenden
Gattin Ottos des Großen. Seit 1991 – 1000 Jahre nach Theophanus Tod
– finden in dieser Kirche alljährlich Ikonenausstellungen statt. Im
Osten werden noch heute beispielsweise die Geburt Jesu, seine Himmelfahrt
oder die Jordantaufe so dargestellt wie spätestens im 6. Jh., die
formgebenden Traditionen wurden also gewissermaßen kodifiziert. Demgegenüber
ist das Abendland seit dem unseligen Schisma von 1054 eigene Wege gegangen
und hat bis zur Auflösung des Bildgegenstandes dem Insividualismus
des Künstlers Raum gegeben. Die Ausstellungen in St. Pantaleon und
auch das daraus entstandene Buch Dolegas verstehen sich daher als ein Begegnungsfeld
von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen.
Die Beschäftigung mit Ikonen bringt den westlichen Menschen in
Verbindung mit den Ursprüngen seines christlichen Glaubens und führt
in Wahrheiten ein, die in unseren Gottesdiensten kaum noch zur Sprache
kommen. Unabdingbar für ein solches Suchen nach den Quellen der eigenen
Tradition ist aber ein tiefes Verständnis für die Sprache der
Bilder: der biblischen und apokryphen Berichte, der Heiligenlegenden und
keinesfalls zuletzt der Liturgie der Ostkirche. Dolega versucht die geistliche
Botschaft der Bilder zu entschlüsseln. Es ist daher keine theoretische
ikonographische Abhandlung, die den Gegenstand der Beschäftigung zum
rationalistischen Objekt degradiert. Es ist aber auch keine wortreiche
Betrachtung, die eine bloß andächtige Stimmung erzeugt. Vielmehr
schafft es eine gelungene Synthese zwischen beiden.
Entsprechend dem Duktus der Jahresausstellungen werden nach einer allgemeinen
Einführung Christusikonen und Festtagsikonen ("Stationen des Heils")
vorgestellt. Es folgen Gottesmutterikonen und exemplarische Beispiele aus
Mönchs- und Heiligenikonographie. Charakteristisch für die Erschließung
ist, daß der Betrachter sich nicht einer Flut von Bildern ausgesetzt
sieht, sondern nur jeweils eine Ikone eines Typs großformatig abgebildet
wird. Es handelt sich dabei um Ikonen des 16.–19. Jh. aus Privatbesitz,
die sicher wertvoll, doch oftmals schon so undeutlich sind, daß man
sich das Buch unabhängig vom Anlaß seiner Entstehung mit zeitgenössischen
Ikonen gewünscht hätte, die seinem Zweck eher entgegenkämen.
Dolega erhellt viele Details aufgrund der vielfältigen Schriftbezüge,
die die Themen entsprechend patristischer Exegese mitbringen. Ausführlich
werden einschlägige liturgische Texte der Ostkirche zitiert, deren
lebendige Kenntnis seit Generationen die Gestalt der Ikonen formt. Auch
durch Bezüge zu Kunstwerken im Kölner Raum und zur römischen
Liturgie stellt der Autor immer wieder die Verbnundenheit der getrennten
Christen vor Augen. Durch eine solche theologische Erschließung,
die in leicht zugänglicher Sprache verfaßt ist, werden Ikonen
spirituell fruchbar und sind nicht nur trendgemäßer Zierrat.
Das Buch hat Verkündigungscharakter in unserer Zeit, in der Kirche
und Kunst einen schwierigen Kampf ausfechten. Der Osten hat sich dabei
für Konstanz entschieden, während im Westen das Überkommene
in immer neuen Formen gesucht und neu vermittelt werden will.
Kathedralen für heute
Friedrich Kurrent (Hg.), Kathedrale unserer Zeit, Salzburg: Verlag Anton
Pustet 1997, 136 S., zahlr. Fotos und Pläne, 30x21 cm, Broschur, 38,50
DM, ISBN 3-7025-0355-2.
"Ich sah eine noch ferne Zukunft, wo sich unsere Riesenstädte
mit Domen bekrönen, daß in ihnen alles Volk zusammenkommt und
die andere, die betende Stadt schafft, und neben ihnen werden die gotischen
Dome wie Pfarrkirchen aussehen", so prophezeite Rudolf Schwarz im Jahre
1957. Diese Vision des Wegweisers des modernen katholischen Kirchenbaus
erscheint heute utopischer denn je: Die Zahl der Kirchenbesucher wird immer
kleiner, man richtet Werktagskapellen ein, damit sich die kleine Herde
nicht aus den Augen verliert. Meist reicht der Chorraum der Kirche für
den Gottesdienst der Gemeinde aus. Die weiten mittelalterlichen Räume
werden geteilt und verschiedenen Nutzungen zugeführt. Manchmal werden
Kirchen ganz aufgegeben und zu Galerien, Ateliers oder Warenhäusern
umfunktioniert. Im Osten Deutschlands gehen viele funktionslos gewordene
Kircehn zugrunde. Da erscheint es gewagt und regelrecht realitätsfern,
angehenden Architekten die Aufgabe zu stellen, Kathedralen zu entwerfen,
große Gottesdiensträume für mindestens 2000 Gläubige.
Friedrich Kurrent, auch selbst mit Kirchenbauten hervorgetreten, stellte
als Ordinarius für Entwerfen, Raumgestaltung und Sakralbau an der
TU München seinem letzten Studentenjahrgang gerade diese Diplomaufgabe.
So entstanden 70 Entwürfe, die im Rahmen einer Ausstellung in der
Münchener Karmelitenkirche auch der Öffentlichkeit präsentiert
wurden und die nun in Buchform vorliegen. "Kathedrale" meint in diesem
Zusammenhang nicht im engen Sinn eine Bischofskirche. Schon der allgemeine
Sprachgebrauch bezeichnet große Kirchen – unabhängig davon,
ob sich in ihnen eine bischöfliche Kathedra befindet – als Dome. Kurrents
Aufgabenstellung erweitert den Begriff abermals: Die Wahl der Religion
und die topographische Verortung des Sakralraums überließ er
den Studierenden. Abhängig von dieser Vorentscheidung waren die liturgischen/
kultischen Voraussetzungen zu berücksichtigen und eventuell zusätzliche
Nebenräume und Einrichtungen vorzusehen. Neben 51 Projekten für
die verschiedenen christlichen Konfessionen entstanden so auch 6 islamische,
4 buddhistische und 2 jüdische Sakralraumentwürfe. Hinzu kommen
noch 7 Sonderformen von großen Feierräumen.
Kurrent stellt zunächst in einem instruktiven eigenen Beitrag
die Genese des modernen Kirchenbaus in Westeuropa dar. Antoni Gaudís
1883 begonnene Sagrada Familia in Barcelona ist wohl als letzte der klassischen
Kathedralen zu bezeichnen. Heutiges Bauen kann daran nicht unmittelbar
anschließen. Die Entwicklung des Kirchenbaus ist seither – wenn auch
zumeist in kleinen Dimensionen – weitergegangen. Gestützt auf neue
Materialien und Techniken baut man Räume deren Spritualität und
Symbolik kaum kürzer greift als die der antiken und mittelalterlichen
Bauwerke. Dennoch schockiert das Neue oftmals, weil die Zeitgenossen den
ihnen durch den Künstler wiedergeschenkten ewig gleichen Inhalt hinter
der neuen Form nicht erkennen mögen. Kurrents Anliegen ist liturgisches
Bauen. Der Architekt könne – so schreibt er – in seiner Raumschöpfung
"nicht auf vordergründig Bildhaftes zurückgreifen, sondern er
hat einen gestimmten Raum für die Feier der Liturgie zu schaffen."
Anders als der Irrweg der multifunktionalen Räume der 70er Jahre besinnt
man sich heute wieder auf die eindeutige Zuordnung von liturgischen Orten
zu ihrer sakramentalen Funktion. Auf evangelischer Seite hatte dieses aus
den frühchristlichen Kirchenbauten bekannte Prinzip bereits in den
20er Jahren Otto Bartning propagiert, der in einem Raum die Kanzel als
Zentum der "Verkündigungskirche" und dem Altar als Ort des Abendmahls
in einer "Feierkirche" situierte. Seit dem 2. Vatikanischen Konzil gibt
es zwar auch in der römischen Liturgie wieder eine klare Zuordnung
an die Funktionsorte Altar, Ambo, Vorstehersitz sowie Sakraments-, Tauf-
und Beichtort, doch scheint weder die liturgische Gesetzgebung in allen
Punkten ausgereift noch sind die architektonischen Umsetzungen gelungen.
Der Volksaltar wirkt vielfach sinnentstellend für alte Räume
und der Ambo wird unter Außerachtlassung historischer Vorbilder zum
(manchmal gar beweglichen) Lesepult degradiert. Der Ort des Vorstehers
erscheint wie ein Sitz zum Ausruhen und der Tabernakel befindet sich oft
– vielen Mahnungen der kirchlichen Obrigkeit zum Trotz – noch immer in
den Altarräumen. Der Taufort ist an den Rand gedrängt; keine
Sonntagsgemeinde kann dem Geschehen in einer kleinen Taufkapelle folgen.
Auch die akustischen Gegebenheiten und die Frage der künstlichen Beleuchtung
werden heute vielerorts sträflich vernachlässigt. Meist ist es
ein Zuviel an Technik oder ihre unsensible Verwendung, was den Raumeindruck
zuerstört.
"Dezentrale" Liturgie kann auch in den entworfenen Räumen der
Münchner Studentinnen und Studenten nicht oder nur sehr eingeschränkt
gefeiert werden. Auffällig ist, daß alle christlichen Kathedralen
(und die beiden Synagogenprojekte) mit Bankreihen ausgestattet sind, während
bei den übrigen Projekten die Bewegung im Raum nicht durch Bestuhlung
eingeschränkt ist. Gerade Räume, die man heute so groß
dimensioniert müssen mit der Realität kleiner Gottesdienstgemeinden
rechnen. Freistehende Handlungsbrennpunkte, um die sich die Gemeinde zu
Wortgottesdienst, Eucharistie, Taufe, gemeinsamem und privatem Beten schart,
läßt den Raum für eine großen ebenso wie für
eine kleine Gruppe gefüllt und dicht erscheinen. Ist es bei einer
kleinen Gruppe die Prozession die den Raum umgreift, ist es in der Masse
die gemeinsame Hinwendung zum zentralen Geschehen. Beides wird durch Kirchenbänke
verunmöglicht.
Auffällig ist ferner, daß die meisten entworfenen Kathedralen
Zentralbauten sind, betitelt als "Jesus Christus Mitte des Lebens", ein
Rundbau mit zwölf Türmen an einem Alpensee, "Maria", eine achteckigen
Wallfahrtskirche mit zuführenden Kolonnaden und wie in einem Refektorium
längs stehenden Altar, eine Dreifaltigkeitskirche für die Spitze
der Passauer Landzunge zwischen Inn und Donau oder eine Rundkirche für
Taizé geben davon Zeugnis. Auch ein Projekt mit dem Titel "Ringparabel"
ist als dreigeteilter Raum mit gemeinsamem Zentrum entwickelt; er bietet
den drei monotheistischen Religionen in Jerusalem einen adäquaten
Gebetsraum. Einige Entwürfe setzen sich mit Kirchenruinen auseinander,
fügen ihnen die Kathedrale bei oder integrieren die bestehenden Mauern
in ihr Konzept; allein zwei Entwürfe stellen Neugestaltungen der Frauenkirche
in Dresden vor. Wenige Entwerfer haben es unternommen, Bauten entsprechend
der eingangs zitierten Vision von Rudolf Schwarzals "Stadtkrone" zu konzipieren;
monumental ist der Raum im Inneren, seltener seine Wirkung nach außen,
Türme fehlen fast vollständig.
Auffällig ist, daß sich mehrere Studenten mit der Planung
einer Großmoschee für München auseinandergesetzt haben.
Während der wunderschöne Raum für die neue Messestadt Riem
durch ein markantes Minarett betont wird, visualisiert ein zweites Projekt
den fünfmaligen Gebetsruf des Muezzin diskreter durch eine Wand mit
klappbaren Paneelelementen, die gleichzeitig den Raum je gebetszeitabhängig
beleuchtet.
Unter den ausgefalleneren Entwürfen sind zu nennen: eine Großsynagoge
für Brooklyn, ein buddhistischer Tempel mit Prozessionsweg und einige
Bauten, bei denen der Raum zwar unverkennbar sakral, aber dennoch zweckfrei
ist: "Kathedralen unserer Zeit" für die Menschen eines postchristlichen
Zeitalters?
Bei den vorgelegten Entwürfen steht selbstverständlich nicht
die Realisierung im Vordergrund, sondern es gilt durch Einsatz des architektonischen
Vokabulars eine Ideenwelt zu verdeutlichen. Kurrent hat den Studenten eine
Aufgabe gestellt, die im Leben wohl nie an die jungen Architektinnen und
Architekten herangetragen werden wird, deren Durchbildung aber dazu beitragen
kann, "den göttlichen Funken der Phantasie, der in ihnen glimmen soll,
zur leuchtenden Flamme anzufachen." (Otto Wagner)
Die Entwürfe der Münchner Studierenden sind phantasievoll
und visionär. Es ist ein reizvoller Band entstanden, der vielleicht
gerade wegen der großen Aufgabe nicht geeignet ist, dem modernen
Kirchenbau neue Impulse zu geben, der aber andererseits Spiegel der Tendenzen
sakralen Bauens und religiösen Empfindens in der mulikulturellen Gesellschaft
unserer Tage ist. Schade nur, daß man ihn nicht oft zur Hand wird
nehmen können: Da man sich verlagsseits nicht zu einer Fadenbindung
der Broschüre hat entschließen können zerfällt er
bereits beim zweiten Aufblättern.
Petrus und Paulus – Kontrahenten und Partner
Lothar Wehr: Petrus und Paulus – Kontrahenten und Partner. Die beiden Apostel
im Spiegel des Neuen Testaments, der Apostolischen Väter und früher
Zeugnisse ihrer Verehrung. (Neutestamentliche Abhandlungen, NF Bd.30).
Münster: Aschendorff Verlag 1996, VIII und 416 Seiten, Leinen, DM
145,–, ISBN 3-402-04778-0.
Die Apostel Petrus und Paulus scheinen wie selbstverständlich
zusammen zu gehören. Seit früher Zeit begeht die christliche
Kirche in Ost und West ihr Gedächnis an einem gemeinsamen Festtag,
dem 29. Juni. Auch werden sie nebeneinander in vielen Gebeten genannt.
Sie erscheinen in der christlichen Ikonographie gemeinsam und können
hier sogar stellvertretend für den gesamten Zwölferkreis der
Jünger Jesu abgebildet werden. Demgegenüber sind sich Petrus
und Paulus vermutlich nur dreimal für jeweils kurze Zeit begegnet,
sind ihr Apostolat und die Ansätze ihrer Verkündigung deutlich
verschieden, haben sie in getrennten Einflußsphären das Evangelium
verkündet und sind schließlich zu unterschiedlichen Zeiten in
Rom gewesen und dort hingerichtet worden.
Darauf, daß Petrus und Paulus nicht, wie uns die Tradition und
damit auch schon späte neutestamentliche Schriften suggerieren, ein
Herz und eine Seele waren, weist bereits die Schilderung des sogenannten
"Antiochenischen Konflikts" im Galaterbrief hin. Ausgehend von dieser Eskalation,
stellt sich die Frage, wie der Streit zwischen den Aposteln zu erklären
ist und worin ihre gemeinsamen und unterschiedlichen theologischen Positionen
bestehen. Diesen Fragestellungen geht der Bibelwissenschaftler Lothar Wehr
in seiner Habilitationsschrift nach, die seit kurzem gedruckt vorliegt.
Sie illustriert beispielhaft die Entwicklung von der Gemeinschaft in der
Verschiedenheit zur Einheit in der Gleichheit bereits für die apostolischer
Zeit. Die Praxis der Uniformierung als Mittel zur Einheit und nicht nur
als ihr Ergebnis, wie sie immer wieder zu Recht und zu Unrecht dem petrinischen
Lehramt der letzten Jahrhunderte vorgeworfen wurde, hat große Akualität.
Die Theologie des Paulus kennen wir aus erster Hand. Für sein
Verhältnis zu Petrus ist zunächst der Galaterbrief relevant.
Anlaß des Schreibens war, daß in den Gemeinden Missionare aufgetaucht
waren, die ein "anderes Evangelium" verkündeten als Paulus. Offensichtlich
hatten sie Erfolg mit ihrer stark am mosaischen Gesetz orientierten Haltung
und die Christen zweifelten immer mehr an der gesetzesfreien Verkündigung
des Paulus. Im Brief formuliert Paulus seine Vorstellung von der Rechtfertigung
aus Glauben. Seine Autorität sucht er zu legitimieren, indem er ausführlich
von seiner Biographie, der Berufung, seinem Apostolat und den seine Verkündigung
bestimmenden Weichenstellungen berichtet.
Großen Wert legt er auf die Unabhängigkeit seines Apostolats.
Er erklärt, analog zu den alten Prophetenerzählungen, bereits
im Mutterschoß von Gott erwählt worden zu sein. Auch geht er
nach der Vision vor Damaskus und seiner Taufe nicht nach Jerusalem, um
sich in der neuen Lehre ausführlich unterweisen zu lassen. Vielmehr
zieht er sogleich in die Region südlich von Damaskus, die als römische
Provinz die Bezeichnung "Arabia" trug. Er missioniert also aus eigener
Offenbarung heraus und betont, daß er erst drei Jahre später
zu einem zweiwöchigen Besuch nach Jerusalem reist, um Kephas kennenzulernen.
Dabei geht es ihm offenkundig um die Einheit mit den übrigen Aposteln;
Vorbehalte gegen Petrus und seine Theologie sind dabei nicht zu erkennen.
Vierzehn Jahre später kommt Paulus wieder nach Jerusalem. Diesmal
stehen theologische Fragen – namentlich die Frage nach der Heilsnotwendigkeit
der Beschneidung – im Mittelpunkt. Er kommt als Abgesandter der Gemeinde
in Antiochia und legt den Jerusalemern sein Evangelium vor, das er den
Heiden verkündet. Als einen ersten Erfolg kann er verbuchen, daß
der Heidenchrist Titus, der ihn begleitet, von den Judenchristen nicht
zur Beschneidung gezwungen wird. Dennoch kann der Apostelkonvent nicht
als Sieg des Paulus gelten. Zwar wird seine Verkündigung von den "Säulen"
anerkannt, die Unterscheidung zwischen einem "Evangelium der Beschneidung"
und einem "Evangelium der Heiden" kann für ihn nur einen Kompromiß
für eine Übergangszeit dargestellt haben.
Dem Argumentationsziel, das Paulus im Hinblick auf die Galater verfolgt,
wäre es dienlich, wenn er von der Einigung auf ein Evangelium beim
Apostelkonvent berichten könnte. Daß er dies nicht tut, sondern
recht kompliziert von der Anerkennung seiner Verkündigung berichtet,
deutet darauf hin, daß es zu einer solchen Einigung in Jerusalem
allem Anschein nach nicht gekommen ist. Vielmehr hat man sich auf unterschiedliche
Zuständigkeitsbereiche – Paulus und Barnabas betreiben Heidenmission,
Jakobus, Petrus und Johannes wenden sich den Juden zu – und auf einen unterschiedlichen
Inhalt der Verkündigung verständigt. Dabei ist auffällig,
daß Paulus auch nicht an Stellen, in denen er sich mir Petrus auf
die gleiche Stufe stellt, nicht von der Identität der Evangelien,
sondern von deren Gleichrangigkeit ausgeht. Auch bezüglich des Apostolates
spricht er von der selben "Wirkursache", das unterschiedlichen Apostolat
bewirkt.
Zu bemerken ist ferner, daß Paulus hier zwei Mal den griechischen
Namen "Petros" und nicht die gewöhnlich verwendete aramäische
Form "Kefas" benutzt. Diese Form ist nicht zufällig gewählt.
Es geht Paulus an dieser Stelle um eine besondere Nähe und Verwandtschaft,
während er "Kefas" benutzt, um seine Unabhängigkeit von Petrus
zu signalisieren und ihn zudem mit der aramäischen Form dem jüdischen
Glaubens- und Gesetzesverständnis zuordnet. Er erzielt dabei sowohl
bei seinen Adressaten in der griechischsprachigen Oikumene, für die
die Form "Petros" die geläufige war, wie auch für uns heute eine
Distanzierung.
Die Problematik der Jerusalemer Abmachung offenbart sich einige Zeit
später im Antiochenischen Konflikt. Dort treffen erstmalig Judenchristen
und Heidenchristen in einer Gemeinde aufeinander. Die Regelung der getrennten
Einflußgebiete und unterschiedlichen Verkündigungen trägt
nicht mehr. Während Petrus, sich in Antiochia anfänglich an die
gesetzesfreie Praxis der Heidenchristen hält, was Paulus als Anerkennung
seiner Verkündigung interpretieren muß, ändert er sein
Verhalten nach der Ankunft einer judenchristlichen Gruppe aus Jerusalem.
Paulus wirft Petrus interessanterweise nicht den Bruch des Jerusalemer
Abkommens vor – die hier anstehende Frage wurde in Jerusalem gar nicht
berührt – sondern macht ihm sein schwankendes Verhalten, seinen Rückfall
zum Vorwurf, der in seiner letzten Konsequenz auch die Heiden zur Übernahme
des Gesetzes zwingt. Paulus erwähnt im Galaterbrief nicht die Argumente
des Petrus, da sie sein Argumentationsziel sicher nicht stützen. Immerhin
wurde Paulus in Antiochia isoliert, sogar Barnabas wechselte ins andere
Lager, und verließ die Gemeinde endgültig.
Petrus ist sicher kein radikaler Vertreter einer judenchristlichen
Linie. Seine Absicht ist es, die Einheit mit Jerusalem zu wahren. Er hat
sozusagen eine gesamtkirchliche Perspektive. Letztlich müssen die
Heidenchristen auf bestimmte Kennzeichen jüdischer Identität
verpflichtet werden, damit die Einheit gewahrt werden kann. Möglicherweise
finden sich die Abmachungen in den sogenannten "Jakobusklauseln" wieder,
wie sie die Apostelgeschichte überliefert, von denen Paulus augenscheinlich
aber nichts weiß. Der Konflikt kann als Zeugnis dafür gelten,
daß die getrennten Missionen der Anfangszeit, mit denen auch eine
inhaltliche Differenzierung einherging, mehr und mehr zusammenwachsen.
Von den plakativen Positionen, Paulus will zu seinem gesetzesfreien Evangelium
hinführen, Petrus ein gesetzliches Christentum etablieren, gehen mit
Rücksicht auf die Einheit immer mehr paulinische Elemente verloren.
Als weiteres Zeugnis des Paulus über sein Verhältnis zu Petrus
hat der 1. Korintherbrief zu gelten. Aus dem Kontext lassen sich inhaltliche
Differenzen zwischen Kephas- und Pauluspartei in der griechischen Hafenstadt
ausmachen. Die Kephas-Anhänger, zweifellos ehemalige Heiden, suchen
ihre Bekehrung durch den Verzicht auf Götzenopferfleich zu dokumentieren.
Hier zeigt sich ein Unterschied zu Paulus und eine Nähe zu judenchristlichen
Strömungen, die auch Heidenchristen auf Mindestanforderungen des Gesetzes
festzulegen suchten.
Der Standpunkt des Petrus ist nicht so leicht greifbar, da nur mittelbare
Zeugnisse vorliegen. Am ehesten läßt sich Petrus im Matthäusevangelium
fassen, sieht dieses doch in ihm den Garanten der eigenen Tradition (Mt
16). Beim entscheidenden Streitpunkt zwischen Petrus und Paulus ansetzend,
ergibt sich, daß Petrus in seiner Haltung zum Gesetz vom Vorbild
Jesu entscheidend bestimmt war. Das Evangelium läßt mehrmals
Petrus zum Adressaten gesetzlicher Belehrungen durch Jesus machen.
Bereits mit der Apostelgeschichte setzen erste Harmonisierungsversuche
der unterschiedlichen Positionen der Apostel ein. Dabei verliert Paulus
mehr und mehr an Profil. Diese Tendenz setzt sich im 1. Petrusbrief fort,
der zwar von Paulus beeinflußt erscheint, seine zentralen Aussagen
aber aus synoptischer Tradition schöpft und dabei kein Gegeneinander
von verschiedenen Strömungen mehr kennt. Auch die Pastoralbriefe,
die sich zu Recht auf Paulus berufen, schleifen immer mehr Konturen seiner
Verkündigung ab. Dies schon allein deshalb, weil in den rein heidenchristlichen
Gemeinden, manche Fragestellungen nicht mehr thematisiert werden. Auch
in den Clemens- und Ignatiusbriefen sowie im 2. Petrusbrief, sind Differenzen
zwischen Petrus und Paulus nur schwer aufzuspüren.
In einem vergleichsweise schmalen Kapitel (SS. 357–375) beschäftigt
sich Wehr mit der Entstehung der Petrus- und Paulusverehrung in Rom. Zentrale
Frage ist auch hier inwieweit sich in den liturgischen Traditionen die
Konkurrenz der Apostel nachweisen läßt. Konsens besteht heute
darüber, daß beide Apostel in Rom den Märtyrertod gestorben
sind. Während man für Petrus in Joh 21,18f einen Hinweis darauf
und sogar auf die Todesart zu finden glaubt, belegen die Pastoralbriefe
das gewaltsame Lebensende des Paulus, der vermutlich enthauptet wurde.
Der erkennbare Versuch der frühen Überlieferungen, Ort und Datum
der Verehrung zusammenzurücken, darf als Hinweis gewertet werden,
daß dies am Anfang nicht der Fall war. Die unterschiedlichen Grabplätze
am Vatikan und der Via Ostiense machen es wahrscheinlich, daß sie
auch nicht gleichzeitig hingerichtet wurden. Sollte die Apostelgeschichte
Recht haben und Paulus bereits in Jerusalem verhaftet und als Gefangener
nach Rom transportiert worden sein, ist er nicht den Christenverfolgungen
unter Nero zum Opfer gefallen, sondern bereits vorher (Anfang der 60er
Jahre) in einem regelmäßigen Verfahren verurteilt und danach
hingerichtet worden. Auch Petrus scheint nicht in den Verfolgungen umgekommen
zu sein. Bereits Eusebius und Hieronymus setzen den Tod der beiden Apostel
davon ab. So bringen sie die Hinrichtung des Petrus nicht mit Nero, sondern
mit dem späteren Präfekten Agrippa in Verbindung.
Die gemeinsame Verehrung der Apostel am 29. Juni begann einer Eintragung
in der Depositio Martyrum aus dem Jahr 354 zufolge im Jahr 258. Die Notiz
wirft zahlreiche Probleme auf und hat vielfältige Lösungsansätze
hervorgerufen. Wehr gelingt es, schlüssig nachzuweisen, daß
die Translationshypothesen an Überzeugungskraft verloren haben, die
den genannten Termin als Überführung der Gebeine der Heiligen
von ihren ursprünglichen Gräbern an einen Ort gemeinsamer Verehrung
an der Via Appia, an Überzeugungskraft verloren haben. Erstens war
die Öffnung von Gräbern unter der diesbezüglichen römischen
Gesetzgebung kaum denkbar, zweitens kommt eine Reliquienverehrung erst
in späterer Zeit auf. Neben der Verehrung an den Gräbern gab
es also auch einen gemeinsamen Kult bei den Katakomben an der Via Appia,
ohne daß man die Reliquien der Apostel in unmittelbarer Nähe
wußte.
Diese Totengedächtnisfeiern spielen auch bei der Konstituierung
eines weiteren Festes eine Rolle. Alte Quellen berichten, daß am
22. Februar ein Totengedächtnis der Apostel begangen wurde, was auf
die Tradition zurückgeht, daß an diesem Tag die Familien an
den Gräbern ihrer Verstorbenen ein Gedächtnismahl zu halten pflegten.
Bei diesen Mählern blieb ein Platz, die sogenannte "Kathedra" für
den Verstorbebenen frei. Bei den Griechen konnte "Kathedra" die Bezeichnung
für das gesamte Gedächtnismahl sein. Zur Zeit der Entstehung
des römischen Kalenders hatte der Begriff sicher schon die Bedeutung
Bischofsstuhl, weshalb man am 22. Februar der Übernahme des Antiochenischen
Episkopats durch Petrus gedachte. Am 18. Januar feierte man die Übernahme
des römischen Bischofsamtes – eine Duplizierung, die aus der Kompilation
gallischer und römische Kalender resultiert und bis zur jüngsten
Kalenderreform Bestand hatte.
Gerade dieses letzte Kapitel der Arbeit Wehrs vervollständigt
die beispielhafte Sicht auf den Prozeß der Erarbeitung von Theologie.
Aus dem Willen, den Anspruch des Evangeliums zu wahren, sind auftretende
Differenzen unabdingbar, um das Dogma zu profilieren. Auf der anderen Seite
bleibt die Aufgabe, der Einheit der Strömungen durch Bündelung
Rechnung zu tragen. Immer wieder kommen damit aus Streit entstehende Fortschritte
durch ihre Integration die Liturgie zu einem Abschluß. In der gemeinsamen
Feier ist es unerheblich, welche theologische Gruppierung das einzelne
Element einbringt, so es der "Auferbauung der Gemeinde" dient. Das Buch
hätte es verdient, über die Fachkreise der Exegeten hinaus Beachtung
zu finden.
Textbuch Gemeindemesse
Textbuch Gemeindemesse. Augsburg: Pattloch Verlag, gebunden, 128,-- DM,
ISBN 3-629-01550-6.
Seit mehr als einem Jahrhundert war das "Deutsche Meßbuch" des
Beuroner Benediktinermönchs Anselm Schott ein von vielen dankbar angenommener
Begleiter bei der Meßfeier. Damals waren die lateinischen Texte des
Meßbuches und ihre deutschen Übersetzungen noch bequem in einem
handlichen Band unterzubringen. Seit der jüngsten Liturgiereform,
die den "Tisch des Wortes" reicher deckte, wuchs der Schott auf eine ganze
Bibliothek. Die Lücke eines praktischen und zudem vergleichsweise
preiswerten Kompendiums der Meßtexte schließt nun das vom Deutschen
Liturgischen Institut in Trier herausgegebene Textbuch Gemeindemesse.
Der erste Teil ist "Texte des Meßbuches" überschrieben und
enthält die Meßformulare gegliedert nach Herrenjahr, Heiligenjahr
und nach bestimmten Anlässen. Der zweite Teil bietet sämtliche
Texte für die erste und zweite Lesung, die Antwortpsalmen und Hallelujaverse
und die Evangelien. Diese "Texte des Meßlektionars" stehen dabei
nicht in ihrer liturgischen Anordnung, sondern in der Reihenfolge des biblischen
Kanons. Was zunächst eine Platzfrage gewesen sein dürfte, begegnen
viele Perikopen doch häufiger im Lesezyklus, erweist sich als interessanter
Schlüssel für den Umgang mit der Schrift im Gottesdienst: Leicht
ist feststellbar, welche Texte in der Liturgie besonderes Gewicht erhalten
und welche verschwiegen werden. Oft wird so ein unkomplizierter Seitenblick
auf den Kontext der jeweiligen Stelle ermöglicht. Ein solches "Perikopenbuch"
ist allerdings zur Vorbereitung des Lektorendienstes weniger zu empfehlen.
Ausgehend vom Meßformular muß man etlichen Verweisen auf Lesungen,
Antwortgesänge und Evangelium folgen. Zudem konnte keine Gliederung
des Textes in Sprechzeilen vorgenommen werden.
Die "Feier der Gemeindemesse" im vorliegenden Band beinhaltet alle
zehn derzeit approbierten Hochgebete, während der Schott sich auf
die klassischen vier Eucharistiegebete beschränkt. Gaben-, Schluß-
und Segensgebete zur Auswahl sind wie die feierlichen Schlußsegen
an der betreffenden Stelle des Schemas der Feier integriert. Dem Meßbuch
folgend stehen die Tagesgebete zur Auswahl allerdings außerhalb der
Feier der Gemeindemesse. Auch die "Segensgebete über das Volk", leider
sehr selten benutzt, fanden sich bislang nur an sehr abseitiger Stelle
im Meßbuch und wurden vom "Schott" überhaupt nicht publiziert.
Die Einführungen zu den Festzeiten sind auf dem neuesten Stand,
knapp, niveauvoll und leicht verständlich, dabei überaus informativ.
Die den Formularen für die Heiligengedenktage vorangestellten Viten
eignen sich durchaus auch zum Vortrag innerhalb der Messe.
Die ausführlichen Zeittafeln im Anhang, die erstmals augenfällig
machen, daß der 6.–10. Sonntag im Jahreskreis meist entfallen oder
verdrängt werden, reicht leider nur bis ins Jahr 2006. Doch womöglich
ist bis dahin bereits ein neues Meßbuch erschienen.
Beachtung verdient die breite Berücksichtigung der Rubriken. Viele
dieser liturgischen Handlungsanweisungen sind den Interessierten hier erstmals
außerhalb des Meßbuches zugänglich und rücken fast
Vergessenes wieder in den Blick. Wer erinnert sich beispielsweise noch
an das Knien zum Hallelujavers der Pfingstmesse, das seine ökumenische
Entsprechung in den Kniebeugungsgebeten der byzantinischen Pfingstvesper
hat?
In diesem Zusammenhang muß leider darauf hingewiesen werden,
daß die Rubriken nicht in Rot gedruckt wurden, wie es sich durch
die Jahrhunderte bewährt hat. Rote Druckfarbe wurde ausschließlich
für die Verweise zwischen dem ersten und dem zweiten Teil verwendet,
wofür Fettdruck ausreichend gewesen wäre. Die Übersichtlichkeit
– namentlich die der Feier der Gemeindemesse – leidet dadurch erheblich.
Auch huldigt die Satzschrift selbst mehr dem Zeitgeist als daß sie
der Lesbarkeit diente. Und schließlich hätte auch der Einband
in Bezug auf Material und Gestaltung etwas mehr Sorgfalt verdient. Gleichwohl
ist die buchbinderische Verarbeitung trotz der mehr als 2500 Seiten gut
gelungen. Fünf Zeichenbänder erleichtern die Handhabung des Bandes.
Das Textbuch Gemeindemesse setzt etwas größere Beweglichkeit
voraus als der Schott. Es bietet dafür auch den vollständigen
Text von Meßbuch und Meßlektionar und erschließt interessante
Zugänge zur Meßfeier. Wer oft mit der Gestaltung der Gemeindemesse
zu Tun hat, wird damit eine Lücke in seiner Handbibliothek schließen.