An die vielen modernen Kirchen, die vor allem seit dem zweiten Weltkrieg in unserer Diözese und überall in Deutschland entstanden, haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Doch auch wenn die heutigen Sakralräume vielfach besser geeignet sind die erneuerte Liturgie zu feiern, sehnen wir uns manchmal nach der Raumstimmung einer alten oder im alten Stil errichteten Kirche zurück. Was den Kirchenbau angeht sind wir weit mehr Kinder des 19. Jahrhunderts als unserer Zeit, konnte man sich damals doch eine Kirche in einem anderen als den traditionellen gotischen oder romanischen Stilen kaum vorstellen.
Wie ein Schock müssen daher die ersten Kirchenbauten gewirkt haben, die den Boden dieser – selbst durch kirchliche Gesetzgebung untermauerten – Tradition verließen. Eine der ersten dieser Kirchen ist St. Peter und Paul in Dettingen am Main, heute im Dekanat Alzenau gelegen. Sie wurde Dominikus Böhm und seinem Mitarbeiter Martin Weber in den Jahren der Hochinflation und Weltwirtschaftskrise 1922/23 errichtet.
Interessanterweise erklären die Architekten aber das moderne Erscheinungsbild der Kirche nicht mit der Notwendigkeit, so kostengünstig wie möglich bauen zu wollen, sondern betonen wortreich, wie traditionsverbunden ihr Bauwerk eigentlich ist.
Der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man die Fassade betrachtet, ist das massige, wehrhafte Aussehen. Der Zinnenkranz des Turmes und die schlanke, fialenartige Turmspitze erinnert an die Architektur gotischer Wehrkirchen, wie sie oft in der Wetterau, aber auch in Dettingens Nachbarort Hörstein begegnet. Der breit gelagerte Kirchturm wirkt wie das Westwerk der alten Kirchen, das allem Widrigen den Zugang zum heiligen Bezirk versperren sollte. Betrachtet man das Langhaus, fallen die drei Schiffe auf, die an die Anlage einer klassischen Basilika erinnern. Auch ein Querhaus scheint nicht zu fehlen. Die drei schlanken Fialen auf dem geraden Chorabschluß schließlich erinnern an die kleinen Türmchen gotischer Kirchen. Das Mauerwerk besteht aus rotem Mainsandstein, der immer wieder von horizontalen Ziegelbändern unterbrochen wird. Dies ist ein Stilmittel, das bei byzantinischen und umbrischen Bauwerken zu beobachten ist.
Und doch: Obwohl sich vielerlei Entsprechungen zu historischen Kirchenbauten finden lassen, wirkt das Bauwerk ganz anders als man es bis dahin von einer Kirche erwartet hat. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man den Innenraum betritt.
Böhms Anliegen war es, einen leichten, schwebenden Raum zu schaffen. Er griff daher auf das Material Eisenbeton zurück, um dünne schlanke Stützen den offenen Dachstuhl tragen zu lassen. Der Raum wird dadurch verstärkt zu einer Einheit zusammengeschlossen und bekommt zeltartigen Charakter. Hier trifft sich Böhm mit den Zielen der Liturgischen Bewegung und der christozentrischen Idee jener Zeit: Der Raum sollte vom Altar her, seinem Mittelpunkt also, konzipiert sein. Es ist dabei nicht nötig, den Altar auch in der Mitte des Raumes aufzustellen, doch sollte sich der Blick des Eintretenden wie von selbst diesem Zentrum zuwenden. Eine Forderung übrigens, die sich die Deutschen Bischöfe 1988 in ihren "Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen" zu eigen machten.
Diesem christozentrischen Programm dient auch Böhms Lichtarchitektur. Es ist bekannt daß der Architekt begeistert war von den Möglichkeiten des Kinos und nicht selten wurden Vergleiche zwischen seinen Kirchenbauten und Lichtspieltheatern angestellt. Auch in Dettingen ist die "Bühne", der Altarraum also, hell durch fast vom Boden bis zur Decke reichende Fenster indirekt beleuchtet, während das Kirchenschiff in mystischem Halbdunkel liegt. Böhm baut ausdrucksvolle, stimmungsvolle, ja gestimmte Räume, die vorbereitet sind für das "heilige Spiel" der Liturgie und die die Versammelten in die Feier einstimmen wollen. Böhm und Weber erklären: "Die Lichtquellen sind so angeordnet, daß sie den Gläubigen nicht ablenken. Sie liegen direkt unter der Decke des Mittelschiffes und gießen ihr mildes Licht über den ganzen Raum. Auf die Anordnung von Fenstern in den Seitenschiffen wurde mit Absicht verzichtet, um die Gemeinde durch die vollkommene Geschlossenheit des Raumes zur Abkehr von der Außenwelt und zur Sammlung und Andacht zu führen."
Eine ähnliche Funktion schreiben die Architekten der Ausmalung durch den Hanauer Expressionisten Reinhold Ewald zu. "Der Kreuzweg im Innern führt den Eintretenden aus dem Werktage zum eigentlichen Ziel unseres Lebens, zu Gott unserem Herrn, der in seinem Opfertod am Kreuze uns das leuchtende Vorbild gibt der Ergebung in den Willen seines himmlischen Vaters. Das Kreuzesopfer auf Golgatha ist durch seine Anordnung unmittelbar über dem Altare auch gedanklich in Beziehung gebracht mit dem alltäglich sich erneuernden hl. Meßopfer."
Die monumentalen expressionistischen Fresken allerdings waren es, an denen sich die Kritik an dieser "hypermodernen" Kirche – so Weihbischof Senger aus Bamberg – entzündete. Die Vorwürfe gingen von "öffentlichem Ärgernis" bis hin zur "Gotteslästerung". Dennoch sind es gerade die Fresken zu Kreuzweg, Golgata und Marienleben, die die Dettinger Kirche zu einem Zeugnis des Expressionismus machen, das Seinesgleichen sucht. In der aufgeregten Zeit der Wirtschaftskrise sahen einige in der Dettinger Kirche "ein Vorbild für ringende, strebende Künstler, ein Zufluchtsort für ringende, kämpfende Seelen." Sie wünschten sich, daß "die neue Kirche mithelfen möge am Wiederaufbau wahrer, echt christlicher Seelenkultur: aus der Finsternis empor zum Licht."
Am 1. Juli 1923 konnte die Kirche nach nur einjähriger Bauzeit geweiht werden. Das Verdienst, zusammen mit Dominikus Böhm, Martin Weber und Reinhold Ewald einen Markstein in der deutschen Kirchenbaugeschichte gesetzt zu haben, kommt sicher zunächst dem damals gerade 33jährigen Pfarrer Hugo Dümler zu, der – auf seinen eigenen Kunstverstand vertrauend und an den bischöflichen Behörden vorbei – die Künster zusammenbrachte, die einen außergewöhnlichen Bau entstehen ließen. Ein ähnliches Vorgehen wäre heute im Zeitalter der kirchlichen Gremien, Räte und Aufsichtsbehörden nicht mehr denkbar, weshalb allzuoft Kompromiß statt Kunst entsteht. Die Identifizierung mit dem neuen konnte in Dettingen durch die Mitarbeit und nicht die Mitwirkung an der Entscheidung erreicht werden.
Freitag, 26. 6. um 20 Uhr
Sehnsucht des Raumes
Im Rahmen eines abwechslungsreichen Programms wird das
neue Buch zum Weihejubiläum vorgestellt. Elisabeth Hock singt
Marienlieder von Dominikus Böhm, dem Architekten der Kirche.
Samstag, 27. 6. um 18 Uhr
Vespergottesdienst im byzantinischen Ritus
Klerus und Chor der Catholica
Unio Würzburg singen Choräle russisch-orthodoxer Tradition
Sonntag, 28. 6. um 9 Uhr
Festgottesdienst zum Patrozinium
Prediger ist Ordinariatsrat Dr. Heinz Geist
Die musikalische Gestaltung liegt beim Großwelzheimer Kirchenchor
anschließend
Grundsteinlegung am neuen Pfarrheim
Die musikalische Gestaltung übernimmt der Musikverein Harmonie
und der Gesangverein Liederblüte
anschließend
Empfang auf dem Kirchenvorplatz
um 19 Uhr
Jugendgottesdienst
Montag, 29. 6. um 19 Uhr
Festgottesdienst am Patronatstag
Dienstag, 30. 6. um 19 Uhr
Vespergottesdienst am Vorabend des Jubiläums
Mittwoch, 1. 7. um 19 Uhr
Festgottesdienst am Weihetag
Die musikalische Gestaltung übernimmt der Gesangverein Einigkeit
Donnerstag, 2. 7. um 20 Uhr
Orgelkonzert
Ludwig Eichelbeck spielt
Werke von Bruhns, Händel, Bach, Clerambault, Mozart und Reger