Ewalds Anspruch war es, die Architektur der Dettinger Kirche, die er für "maßlich zu festgelegt" hielt, "durch eine suggestiv wirkende, raumausweitende Malerei zu übertönen". Dabei fühlte er sich vollkommen in die Aussagen des Kreuzwegs ein. Er bildete nicht ab, sondern schafft Eindrücke, die auch heute noch unmittelbar und nachhaltig wirken. Die Figuren werden nicht durch Landschaft oder Architektur im Bild festgehalten, sondern scheinen aus dunklen und farbigen Hintergründen in den Raum hineinzutreten. Sie verbinden sich mit dem Betrachter und machen den Kreuzweg zu einem wirklichen Mysterium, an dem man teilnimmt.
Deutlich wird das etwa in der 9. Station, dem dritten Sturz des Herrn auf seinem Weg nach Golgota. Drei Farbsegmente, die ihr Zentrum im Antlitz Christi haben, bilden den Hintergrund. Jesus stürzt gleichsam ins Bild hinein und hat keinen Kontakt mehr zum Boden. Einzig die beiden Soldaten, ihre Legionärsuniformen wie Clownskostüme entstellt, stehen auf festem Boden. Sie glauben, auf Seiten des Rechts zu stehen, während Jesu Entrücktheit andeutet, daß sein Reich nicht von dieser Welt ist.
Durch ihre reiche und doch unwirkliche Farbigkeit beeindruckt auch die 11. Station, die mit dem traditionellen Motiv der "Rast Christi auf dem Kreuz" die Annagelung ins Bild bringt. Im Zentrum des Bildes hockt Jesus auf dem Kreuzesbalken in einem Kreis aus Licht. Es ist der Ort seiner letzten Ruhe. Für kurze Zeit ist er mit sich allein. Die Qualen des Kreuzweges haben ihn gezeichnet. Der Tod steht unmittelbar vor Augen. Einer der Schergen bohrt bereits die Löcher für die bereitliegenden Nägel in die Balken. Der andere, hat wie ein Totengräber die Schaufel in der Hand, mit der das Loch für das Kreuz ausgehoben wird. Wie zum Zeichen, daß die Welt sich verdunkelt, wenn ihr Erlöser stirbt, umgibt ein intensiver blauvioletter Schein des Haupt des Herrn.
Im Kreuzweg hat Ewald der Darstellung des Kreuzestodes (12. Station) ein statisches, fast schwebendes Aussehen gegeben. Ganz anders das Fresko über dem Altar. (Siehe Titelbild) Die Gestalten der beiden Marien hat der Schmerz hingeworfen und Johannes blickt fassungslos auf das grauenvolle Schauspiel. Der Schächer zur Rechten Jesu hat die Arme über den Kopf gehoben und erinnert so an das Henkelkreuz, das im alten Ägypten das Symbol für Leben war: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein", verheißt ihm der Herr. Der andere Gekreuzigte hingegen hat ablehnend die Fäuste geballt. Im Zentrum aber hängt Jesus am Kreuz, bleich, fast unwirklich grün, mit geknicktem Kopf und verkrampfter Rechten. Die Brutalität seines Martyriums wird nicht verschwiegen. Dennoch fällt ein Lichtschein von oben in die Finsternis von Golgota, umgreift die vier Personen im Zentrum und streift auch noch den bekennenden Schächer. Auch lehnt am Kreuz eine Leiter. Alles Zeichen dafür, daß Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung die Pforten der Unterwelt zerbrochen und den Menschen die Tür zum Himmel geöffnet hat. Wie die Jakobsleiter, auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen, ist das Kreuz Jesu Verbindung zwischen Erde und Himmel.
Auf den ersten Blick überrascht es, daß das Bildprogramm der Dettinger Kirche die Auferstehung ausklammert und statt dessen das Kreuzigungsbild verdoppelt. Man hat versucht, es mit Ewalds Erfahrungen als offizieller Kriegsmaler im 1. Weltkrieg zu erklären. Und die ausgeprägte Leidensthematik entspricht sicher auch dem Empfinden der Menschen in den Nachkriegsjahren. Auch die Theologie jener Zeit mag eine Rolle gespielt haben, sah sie doch die Messe einseitig als "unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers".
Entscheidend aber ist, daß durch das Fehlen eines eigenen Osterbildes jenseits aller Abbildung Raum bleibt für die Vergegenwärtigung der Auferstehung in der Liturgie. Während man den Kreuzweg des Herrn noch betrachtend mitgehen kann, wird die Auferstehung nur in der Feier erlebbar. Bei der Messe ist der Altar vor dem Kreuz der Ort der Auferstehung. Der Auferstandene selbst lädt uns ein zum Mahl und teilt sich dort in den Gestalten von Brot und Wein aus. Hier endlich verbinden sich der Raum mit seinen Bildern und die in ihm feiernde Gemeinde zu dem aufrichtigen Bekenntnis: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!"