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Michael Pfeifer (Hg.):
St. Peter und Paul in Dettingen und die Anfänge des modernen Kirchenbaus
in Deutschland
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Wer eine Kirche betritt, hat zumeist eine ungefähre Vorstellung von dem, was ihn erwartet. Ein Raum, der zu gottesdienstlichen Zwecken errichtet wurde, sieht anders aus als ein Wohnhaus, eine Fabrik oder ein Bankgebäude. Dem Kirchenraum eignet eine Qualität, die ihn von anderen Gebäuden unterscheidet. Er ist sakraler Raum.
Das Wort "sakral" wurde erst im 19. Jahrhundert aus dem lateinischen
"sacer – heilig" gebildet und bezeichnet zunächst eine ästhetische
Kategorie.1 Auch wenn im Städtebau unserer Zeit vielfach Museen die
Rolle von Kirchen als Architekturschwerpunkten übernommen haben und
dabei nicht selten ihre Ausstellungsräume auch sakral anmuten,2 geht
es im Folgenden nicht um ästhetische, sondern um wesentliche Sakralität.
Bei der Frage, was einen Kirchenraum zum Sakralraum macht, ist also nicht
zuerst der Gestaltungswillen des Architekten zu befragen, sondern die Funktion,
die dem Raum zukommt und für die er entworfen wurde.
In Dettingen wird der Kirchenraum vom riesigen Kreuzigungsbild Ewalds
dominiert. Die Drastik und Brutalität in der Darstellung des Golgotageschehens
sind immer wieder herausgestellt worden. Die verkrampften Hände des
Herrn, die in namenlosem Schmerz hingeworfenen Gestalten der Frauen unter
dem Kreuz stehen für die Polarität von tremendum und fascinosum.
Es ist ein schauerliches Geheimnis, das hier vergegenwärtigt wird.
Das Kreuz, eigentlich brutales Marterinstrument, wird zum Baum des Lebens.
So sehr das grausame Geschehen auch Schauder einflößt, so sehr
wendet der Gläubige sich doch immer wieder diesem Geschehen zu, weil
in ihm das Heil begründet ist.
Diese Überlegungen finden sich augenfällig auch in der Lichtarchitektur
der Kirche in Dettingen, die aus dem Halbdunkel des Raumes auf einen hell
durchlichteten Altarraum zuläuft. Es ist gewissermaßen eine
"Lichtschranke", die Gemeinderaum und Altarraum voneinander trennen. Im
Hintergrund steht dabei die Vorstellung von Gott, der in unzugänglichem
Licht wohnt.8
Eine Kirche kann demzufolge nur sakral sein, wenn sie zu einer anderen
Wirklichkeit hinführt. Sie ist in diesem Sinne "sakramentales Sediment",
wie es der Grazer Theologe Peter Ebenbauer ausdrückt, gewissermaßen
steingewordener Glaube. Im Bild der profanen Stadt bezeugt sie den Glauben
an die Transzendenz.
Vor diesem Hintergrund ist auch die Allgegenwart Gottes kein Widerspruch zur Inhomogenität des erlebten Raumes. Vielmehr gibt es Orte, die für die Begegnung mit Gott in besonderer Weise reserviert sind. Dafür ist der heilige Raum zunächst ausgegrenzt vom profanen Umfeld. Es entsteht Raum, in dem die lärmende Geschäftigkeit der Straßen nichts zu suchen hat, der still ist zum Hören.
Böhm hat in Dettingen die Wände mit Absicht fensterlos errichtet,
"um die Gemeinde durch die vollkommene Geschlossenheit des Raumes zur Abkehr
von der Außenwelt und zur Sammlung und Andacht zu führen."14
Er schafft einen stillen und dunklen Raum, der gegenüber den Wichtigkeiten
der Welt abgeschieden ist. Er entwirft eine Fluchtburg, die eine Zuflucht
im Getriebe der Zeit sein will.
Um dieser Situation zu entgehen, haben alle Kulturen ihre "eigene Welt" gegründet und sie von der Umgebung geschieden. In den Mythen der Völker von der Gründung der Welt spiegeln sich diese Vorgänge auf vielfältige Weise.16 Die Völker sahen in ihren heiligen Orten die Mitte ihrer Welt und damit – weil in der Umwelt nur Chaos zu erkennen war – der Welt überhaupt. Man denke nur an den "Nabel der Welt" im griechischen Delphi. Auch Kirchtürme übernehmen diese Funktion der Sammlung von Gemeinschaften. Dies wird bereits augenfällig, wenn man kleine Dörfer in der Landschaft wahrnimmt, die sich um einen Kirchturm scharen. Zur horizontalen Ausbreitung tritt die vertikale Verankerung, die Mitte. Für die religiöse Gemeinde ist der heilige Ort der Fixpunkt ihrer Welt.
Die Aufrichtung einer Senkrechten ist sichtbares Zeichen dafür,
daß diese heiligen Orte eine Verbindung zu einer anderen Wirklichkeit
herstellen. Diese transzendente Welt wird "oben" gedacht, und daher befinden
sich die Heiligtümer zumeist auf Anhöhen oder stellen diese künstlich
her. Die Kultplätze der Stämme Israels, und auch der Jerusalemer
Tempel befinden sich auf Anhöhen. Die Zikkurat altorientalischer Städte,
die ägyptischen Pyramiden oder die Stufentempel der mittelamerikanischen
Völker stellen den Berg mit architektonischen Mitteln dar. Vertikale
Markierungen, die die Verbindung von Himmel und Erde andeuten, gab es bei
vielen Völkern. Obelisken und Menhire, Pagoden und eben Kirchtürme
sind ebenso Beispiele hierfür wie der Kultpfahl, den eine Nomadensippe
stets in ihrem Lager aufrichtet oder die Säule Irminsul, die Karl
der Große in den Sachsenkriegen zerstörte. Die Hadriansäule
in Rom ist Beispiel für den römischen Brauch, Siegessäulen
zu errichten, und Kaiser Konstantin ließ solche mit einem Kreuz gekrönt
an heiligen Stätten in Palästina aufstellen. Die Bernwardsäule
in Hildesheim war ursprünglich inmitten der dortigen St. Michaelskirche
aufgestellt und zeugt dadurch von kultischer Bedeutung. Die Mariensäule
in München ist gleichzeitig Null-Kilometerstein der Stadt und somit
gewissermaßen der "Nabel der Welt". Der Nullpunkt der Raumkoordinaten
liegt für den religiösen Menschen also nicht in ihm selbst, sondern
im Zentrum, das dort gesucht wird, wo sich Welten begegnen.
Mit diesen Worten, die auch bei der Grundsteinlegung einer Kirche gesungen wurden, wird nicht nur auf die furchterregende Dimension des Heiligen angespielt, sondern auch das Haus Gottes als Pforte des Himmels bezeichnet. Eine Kirche hat demnach nicht nur eine Tür zur Welt, sondern auch eine zur Überwelt. Sakraler Raum ist bestimmungsgemäß als ganzer "Zwischenraum" und Schwelle. Er ist damit Grenze und Berührungspunkt gleichermaßen. Nicht die Ausgrenzung des Heiligen aus dem Profanen macht einen Ort sakral, vielmehr bietet die Umfriedung Raum für die Inszenierung des Übergangs. Die Gotteserscheinung, die in ihm geschieht, heiligt den Ort eben dadurch, daß sie ihn nach oben "offen" macht, ihn in Verbindung mit dem Himmel bringt.
Die idealisierten Pläne, die der Architekt Rudolf Schwarz für den Bau der Kirche entworfen hat, bringen diese Öffnung zur Sprache. Den Versammelten wird eine gemeinsame Perspektive auf die Transzendenz eröffnet. Auch wenn ihre tatsächliche künstlerische Formung nicht vorgegeben werden kann, auch wenn sie schwerfällt und oftmals mißlingt (s. S. 150f), ist damit ausgesagt, was alle Kultplätze erreichen wollen. Nicht nur Umgrenzung und Ausgrenzung aus dem Gewöhnlichen, sondern auch Öffnung nach oben. Die Grenze schafft nur Raum für die Begegnung von Himmel und Erde. Diese Begegnung kulminiert im Zentrum des Raumes, dem Altar. Auf ihn richtet sich die Aufmerksamkeit der Versammelten aus und von dort her empfangen sie die erbetenen Gaben. So heißt es im römischen Meßkanon "Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlichkeit; und wenn wir durch unsere Teilnahme am Altar den heiligen Leib und das Blut deines Sohnes empfangen, erfülle uns mit aller Gnade und allem Segen des Himmels."
Die Architektur der Dettinger Kirche unterstreicht diesen Schwellencharakter sehr deutlich. Die Altarraumdecke mutet an wie ein nach oben durchbrochener Raum. Es kann sich unter dem Himmel der heilige Tausch vollziehen, von dem die Liturgie immer wieder spricht: Gabe, die die Welt darbringt, Gnade die von oben kommt. Böhm und Weber formulieren es so: Die kristallisch aufgelöste Chordecke ist "in Form und Farbe Mittel, die Entmaterialisierung dieses Altarraumes zu erwirken. Hier finden unsere Opfer, unsere Gebete den Mittler zwischen Gottheit und Menschheit in Christus, dem Herrn."18 Überdies wird der Altar von großen Fenstern belichtet, während im Gemeinderaum ein Halbdunkel herrscht. Als hätte er diese Situation der Dettinger Kirche mit ihrer Lichtarchitektur vor Augen gehabt, formuliert Rudolf Schwarz: "Die Stelle, auf der der Altar steht, gehört zwei Welten zu gleicher Zeit an. … Das Volk, das in Ringen herumsteht, sieht in den lichtesten Punkt der Erde. … Aber diese Stelle ist nicht aus sich hell, sie vermittelt Licht, aber sie bringt keines hervor. Sie empfängt es früher und reichlicher als die übrige Erde, aber es kommt ihr von oben, und so lebt sie aus diesem Oben als aus einer andern Welt, die heller ist als die Erde und die dieser das Licht schenkt. Sie ist nach oben hin offen, verkehrt mit Dingen, die dort sind, und vermittelt sie an die Erde."19
Obwohl das Transzendente selbst immer ungestaltbar bleibt, verhilft
in Dettingen die Malerei Reinhold Ewalds diesem architektonisch gefaßten
theologischen Konzept vollends zum Durchbruch. Das monumentale Kreuz ist
die gewaltige vertikale Verbindung zwischen Himmel und Erde. Es ragt über
dem Altar empor, auf dem Gott gegenwärtig wird. Durch seinen Tod hat
Christus den Tod zertreten und die Tür zum Leben aufgestoßen.
Der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei, berichtet das Evangelium.20
Die Trennung zwischen dem sacrum und dem profanum ist aufgehoben, Gottesbegegnung
ist möglich geworden. Die Dettinger Chorschrägen könnte
man mit diesem zerrissenen Vorhang vergleichen, sie deuten die Trennung
zwar an, öffnen aber auch Zugang zum Heiligen. Schließlich tritt
zum Kreuz ein weiteres Symbol, das die Schwellenfunktion dieses Ortes unterstreicht.
Am Kreuz lehnt eine Leiter, die sich in gleichem Winkel auf dem Bild der
Geburt Christi an der rechten Chorschräge wiederfindet. Durch diese
Darstellung sowohl auf dem Bild der Inkarnation wie auch auf dem der Passion
schafft Ewald eine geniale Zusammenschau des Erlösungsgeschehens.
An Weihnachten steigt das göttliche Wort vom Himmel herab. An Karfreitag
öffnet Christus uns das Tor zum Paradies. Im Bild der Leiter wird
die Durchlässigkeit des Kirchenraumes ins Bild gesetzt. Der Rückverweis
auf die Jakobsleiter kommt dabei sicher nicht von ungefähr: In der
Feier von Menschwerdung, Tod und Auferstehung Jesu wird das Haus Gottes
zur wahrhaftigen Pforte des Himmels.
Christliches Verständnis verbietet überhaupt eine dualistische Aufspaltung zwischen Zonen von Gottesnähe und -ferne. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments ist die Verehrung Gottes nicht an einen Ort gebunden, sondern geschieht in Geist und Wahrheit.21 Gebet braucht keinen besonderen Ort. Gott ist allgegenwärtig.
Noch drastischer zeigt die Szene der Tempelreinigung22, daß der Tempelkult am Ende ist. Jesus traf mit seiner Zeichenhandlung nämlich nicht nur Wechsler und Händler, sondern den Kult als Ganzes. War es nicht mehr möglich, Opfergaben für die Riten bereitzuhalten und zu erwerben, war der Tempel seiner primären Funktion beraubt. Jesus bestreitet mit der Tempelreinigung also die Notwendigkeit des Tempels überhaupt. Mit ihm hat aller Kult ein Ende. Statt dessen übernimmt der auferweckte Christus die Wesensbestimmung des Tempels. Er ist der Ort der Einwohnung Gottes in der Welt. Paulus sieht die christliche Gemeinde selbst als Tempel Gottes (1 Kor 2,16), und das endzeitliche Jerusalem hat keinen Tempel mehr (Offb 21,22).23
Zwar ist die Frage nach dem Kirchenbau nicht durch Rekurs auf Evangelium zu lösen – sie spielt in Urchristentum keine Rolle – dennoch wird klar, daß die Sakralität eines Raumes nur aus der Feier der Gemeinde zu begründen ist, die sich in ihm vollzieht. Hatte noch Josef Pieper die Kirchweihe als eine Wesensumwandlung bezeichnet,24 die das Bauwerk zu einer res sacra mache, wird schon aus den rechtlichen Vorschriften zur Kirchweihe deutlich, daß der Vollzug der Liturgie in einer Kirche ihrer Weihe vorgängig ist. Es heißt: "Wenn ein Kirchenbau ausschließlich und auf Dauer dazu bestimmt ist, daß das Volk Gottes sich darin versammelt, um den Gottesdienst zu feiern, dann soll er gemäß altem christlichem Brauch in einer besonderen Feier dem Herrn geweiht werden."25 Ein Bauwerk wird nicht durch die Weihe zur Kirche, sondern es wird geweiht, weil es Kirche sein soll.
Insofern ist Sakralität immer eine handlungsbezogene Kategorie.26
Zur Liturgiefeier ist kein sakraler Raum notwendig, vielmehr schafft die
konkrete gottesdienstliche Versammlung den sakralen Raum um sich. Damit
ist auch gesagt, daß sakrales Bauen an sich nicht möglich ist.
Gebaut werden kann nur für eine sakrale Nutzung. Je tiefer ein Künstler
in das Wesen der Liturgie eindringt, desto besser wird die Raumaussage
auf die Funktion des Raumes abgestimmt sein. Dann ist die "Raumstimmung"
keine Frage der sakralen Ästhetik mehr, sondern der Versuch, den Menschen
auf das einzustimmen, was im Raum geschieht. Der gestimmte Raum unterstützt,
was am Glaubensvollzug der Akteure sakral ist. Baugestalt, Lichtarchitektur
und Malerei der Kirche in Dettingen drücken aus, was bei der Feier
des Pascha-Mysteriums wirklich geschieht: Durchgang durch Welt und Zeit
zur Begegnung mit dem Heiligen. St. Peter und Paul ist in diesem Sinne
ein wirklich sakraler Raum.